Bei Ebbe erscheint im Watt ein geheimnisvoller Garten mit exotischen Pflanzen und alten Schiffsankern

Ebbe im Garten der Kapitänin

Bei gewöhnlicher Ebbe sah man vor Hohenhörn nur Schlick, Priele und ein paar Pfähle. Doch zweimal im Jahr zog sich das Wasser weiter zurück. Dann erschien hinter einer Sandzunge ein Garten. Zwischen alten Ankern wuchsen blaue Farne, silberne Disteln und kleine Bäume mit Früchten, die nach Zimt rochen. Der Garten gehörte Kapitänin Rieke.

Rieke war seit Jahrzehnten nicht mehr zur See gefahren. Sie lebte in einem roten Haus am Deich und sprach mit niemandem über den Garten. Nia, die im Dorf eine Ausbildung zur Gärtnerin machte, beobachtete sie eines Morgens mit einem Korb voller Setzlinge ins Watt gehen. Neugier war stärker als Vernunft, also folgte sie ihr.

Jede Pflanze stammte aus einem Hafen, den Rieke besucht hatte. Der blaue Farn erinnerte an Island, die Zimtfrucht an Sansibar, und unter einer Glasglocke blühte eine winzige Wüstenrose. „Der Garten wächst dort, wo Land und Meer sich nicht einigen können“, erklärte Rieke. „Darum verträgt er Pflanzen, die sonst nie Nachbarn wären.“

Doch an diesem Tag waren viele Blätter grau. Die tiefe Ebbe dauerte immer kürzer, und Rieke schaffte es nicht mehr, alle Beete zu versorgen. Nia half, verstopfte Wassergräben zu öffnen und salzfeste Ranken zurückzubinden. Über der Arbeit vergaßen beide die Zeit. Als das Wasser zurückkam, war der sichere Weg bereits verschwunden.

Rieke führte Nia auf eine steinerne Plattform in der Mitte des Gartens. Die Flut umschloss sie. Nun geschah etwas Seltsames: Die Pflanzen klappten ihre Blätter wie Segel auf. Wurzeln verflochten sich unter dem Wasser, und der ganze Garten hob sich ein wenig an. Er trieb nicht fort, sondern schaukelte ruhig in der Strömung, bis die nächste Ebbe den Weg freigab.

Im Dorf hatte man die beiden längst gesucht. Nia erzählte nichts von den segelnden Blättern. Sie sagte nur, sie habe einen besonderen Garten gefunden und wolle dort lernen. Von da an begleitete sie Rieke bei jeder tiefen Ebbe.

Später legten sie Samen in wasserdichte Kapseln. Manche schickten sie mit der Strömung auf Reisen. Andere pflanzten sie hinter dem Deich, wo nach und nach ein kleiner Ableger entstand. Er war weniger geheimnisvoll, aber für alle zugänglich.

Rieke behauptete, ein Garten müsse nicht an einem Ort bleiben. Nia glaubte ihr. Wenn im Herbst eine unbekannte Blüte zwischen den Dünen erschien, fragte sie nicht, woher sie kam. Sie grüßte sie wie ein Schiff, das nach langer Reise in einen neuen Hafen eingelaufen war.