Tamo war der einzige Mensch in Hafenwiek, der die Sprache der Möwen verstand. Das war kein besonderes Vergnügen. Möwen redeten vor allem über Pommes, Windrichtungen und darüber, wem welches Dach gehörte. Seit Wochen stahlen sie jedoch alles, was glänzte: Löffel, Schlüssel, Brillengestelle und sogar die Kette der Bürgermeisterin.
Der Gemeinderat plante, die Vögel vom Marktplatz zu vertreiben. Tamo bat um einen Tag Aufschub. Mit einem Eimer Hering stieg er auf das Dach der Fischhalle. Dort wartete Silberklaue, die älteste Möwe, umgeben von einer lautstarken Schar.
„Keine Diebstähle mehr“, forderte Tamo. „Dafür bekommt ihr jeden Abend Fischreste am Nordkai.“
Silberklaue legte den Kopf schief. „Glanz nötig. Großes dunkles Wasser kommt. Glanz zeigt Heimweg.“
Tamo verstand zunächst nichts. Dann führten ihn die Möwen zu ihren Nestern auf dem alten Speicher. Zwischen Zweigen lagen die gestohlenen Dinge in langen Reihen. Sie bildeten Pfeile, die vom Meer zum Hafen zeigten. Die Vögel erwarteten einen Nebelsturm und bauten aus glänzenden Gegenständen eine Orientierungslinie für die jungen Möwen.
Am Nachmittag war der Himmel noch klar, doch das Barometer fiel. Tamo überzeugte den Hafenmeister, zusätzliche Lampen aufzustellen. Die Leute holten ihre Wertsachen aus den Nestern und ersetzten sie durch alte Reflektoren, Metallfolie und ausgediente Fahrradlichter. Die Bürgermeisterin steuerte widerwillig eine Kiste glänzender Wahlplakate bei.
In der Nacht kam der Nebel. Er lag so dicht auf dem Wasser, dass selbst das Leuchtfeuer verschwand. Dutzende junge Möwen waren noch draußen. Die Menschen schalteten die Lampen ein, und auf den Dächern entstand ein silberner Weg. Eine nach der anderen fanden die Vögel zurück. Zuletzt landete Silberklaue auf Tamos Fensterbrett und legte ihm die Kette der Bürgermeisterin hin.
Der Vertrag wurde am nächsten Morgen beschlossen. Die Möwen erhielten einen Futterplatz und durften ungefährliche glänzende Dinge sammeln. Dafür blieben Brillen, Schlüssel und Frühstücksbrötchen Eigentum der Menschen. Verstöße wurden mit einem Hering Bußgeld geahndet.
Der Frieden hielt meistens. Nur Silberklaue stahl weiterhin Tamos rote Mütze, sobald Sturm aufzog. Tamo wertete das nicht als Vertragsbruch, sondern als Wetterwarnung. Wenn die Mütze vom Dachfirst leuchtete, wussten alle in Hafenwiek, dass es Zeit war, die Boote festzumachen.

