In Mondsiedlung Selene gab es keine Balkone. Außenwände waren Sicherheitshüllen, jeder Durchbruch ein Risiko. Herr Osei, pensionierter Architekt, zeichnete trotzdem jeden Abend einen Balkon. Er vermisste den kleinen Platz vor seiner früheren Wohnung, auf dem er Kaffee getrunken und Nachbarn gegrüßt hatte.
Sein Entwurf war keine offene Plattform, sondern eine transparente Druckschleuse mit Sitzbank. Sie sollte an die Wohnkuppel andocken und das Gefühl vermitteln, draußen zu sitzen. Die Verwaltung lehnte ab: zu teuer, nicht notwendig, schwer zu versichern.
Herr Osei baute ein Modell im Gemeinschaftsraum. Menschen setzten sich hinein und blickten auf eine Projektion der Mondlandschaft. Sie blieben länger als erwartet. Auf dem Mond gab es Arbeitsplätze, Schlafkabinen und Labore, aber kaum Orte, an denen man einfach beobachten durfte.
Eine Ingenieurgruppe half, den Entwurf zu verbessern. Der Balkon erhielt doppelte Wände, Notverschlüsse und keine unnötigen Durchbrüche. Material stammte aus ausgemusterten Sichtfenstern. Nach langen Prüfungen wurde ein Prototyp genehmigt.
Als Herr Osei zum ersten Mal darin saß, ging über dem Kraterrand die Erde auf. Sie war klein, blau und zugleich voller Orte, die alle Bewohner vermissten. Nachbarn brachten Getränke. Jemand spielte leise Musik. Der Balkon wurde zur beliebtesten Stunde der Siedlung.
Nicht jeder wollte zur Erde schauen. Einige fanden den Anblick schmerzhaft. Deshalb ließ sich die Bank drehen. Auf der anderen Seite sah man nur Mondberge und Sterne. Heimat konnte hinter einem liegen oder gerade entstehen.
Weitere Balkone wurden gebaut, jeder anders. Einer enthielt Pflanzen, einer ein Teleskop, einer war für vollständige Stille reserviert. Sie verbesserten keine Sauerstoffproduktion und keinen Antrieb. Trotzdem galten sie bald als wichtige Infrastruktur.
Herr Osei nannte den ersten Balkon nicht sein Werk. Zu viele Menschen hatten ihn möglich gemacht. Er bestand nur darauf, dass dort keine Termine stattfanden.
Viele Jahre später wurde Selene erweitert. In den Bauvorschriften stand nun: Jede Wohnzone braucht einen Ort ohne festgelegten Nutzen und mit Blick nach draußen. Besucher hielten das für poetische Verwaltungssprache.
Herr Osei wusste es besser. Eine Siedlung wird nicht allein dadurch bewohnbar, dass Menschen in ihr überleben. Manchmal beginnt Zuhause mit einer Bank, einem offenen Blick und der Möglichkeit, einem vorbeikommenden Nachbarn wortlos Platz zu machen.

