Auf einem Café-Tisch steht eine blaue Tasse, aus deren Dampf Noten und kleine Erinnerungsbilder steigen

Eine Tasse für verlorene Gedanken

Im Café Minze gab es eine blaue Tasse, die nie im Schrank stand. Sie erschien auf einem Tisch, wenn jemand etwas Wichtiges vergessen hatte. Der Kaffee darin schmeckte gewöhnlich, doch im Dampf formten sich verlorene Gedanken: ein Name, ein Termin, eine Idee, die beim Einschlafen verschwunden war.

Eva kannte die Geschichten, hielt sie aber für Werbung. Sie war Pianistin und hatte seit Monaten keine neue Melodie geschrieben. Früher waren ihr Einfälle beim Gehen, Kochen oder Warten gekommen. Nun hörte sie in ihrem Kopf nur Wiederholungen. Trotzdem setzte sie sich eines Nachmittags an den freien Tisch. Kurz darauf stellte die Kellnerin wortlos die blaue Tasse vor sie.

Im Dampf erschien ein Kinderzimmer. Eva sah sich selbst am alten Klavier ihrer Großmutter. Sie spielte fünf Töne, stockend und falsch. Ihre Großmutter antwortete mit vier Tönen. Daraus war ein musikalisches Gespräch entstanden, das beide über Jahre fortgesetzt hatten. Nach dem Tod der Großmutter hatte Eva die kleine Folge nie wieder gespielt.

Sie summte die fünf Töne. Eine Frau am Nebentisch blickte auf und summte vier zurück. Der Dampf veränderte sich. Nun zeigte er nicht nur Evas Erinnerung, sondern auch Gedanken anderer Gäste: eine ungezeichnete Erfindung, den Anfang eines Briefes, ein Rezept ohne Mengenangaben. Die blaue Tasse schien überzulaufen.

Die Kellnerin erklärte, verlorene Gedanken seien selten wirklich fort. Oft wanderten sie zu Menschen, die ihnen zufällig begegneten. „Wenn niemand sie aufnimmt, sammeln sie sich hier.“ Eva setzte sich ans alte Klavier in der Ecke. Sie spielte ihre fünf Töne. Die Gäste antworteten mit Klopfen, Summen und Löffelklirren. Aus dem Durcheinander entstand eine Melodie, die niemand allein erfunden hatte.

Eva schrieb sie nicht sofort auf. Sie spielte weiter, bis das Café schloss. Später machte sie daraus ein Stück mit dem Titel Fundsachen. Bei Konzerten ließ sie an einer Stelle vier Takte frei, damit das Publikum antworten konnte. Kein Abend klang wie der andere.

Die blaue Tasse erschien ihr nie wieder. Dafür stellte Eva zu Hause eine leere Tasse auf das Klavier. Wenn ein Gedanke fehlte, machte sie nicht mehr verzweifelt Jagd auf ihn. Sie spielte fünf einfache Töne und wartete. Manchmal antwortete die Erinnerung. Manchmal kam etwas Neues herein, als hätte es nur vor der Tür gestanden.