Herr Knoop leitete das Fundbüro am Südring. Er verwaltete Regenschirme, Schlüssel und einzelne Handschuhe. Eines Montags lag zwischen zwei Geldbörsen ein kleines Glas, in dem goldenes Licht flackerte. Auf dem Deckel stand: Glück, ungefähr sieben Minuten, gefunden vor der Apotheke.
Von da an brachten Menschen immer öfter verlorenes Glück. Es klebte an Kinokarten, steckte in Manteltaschen oder rollte wie Murmeln über Gehwege. Herr Knoop führte neue Kategorien ein: kurzes Glück, unerkanntes Glück, Glück mit Gebrauchsspuren. Das Regal füllte sich.
Die Besitzer waren schwer zu ermitteln. Eine Frau behauptete, jedes große Glas gehöre ihr. Ein Mann wollte Glück für eine Prüfung ausleihen. Herr Knoop weigerte sich. „Fundsachen werden nicht nach Bedarf verteilt“, sagte er. Doch nachts hörte er die Gläser leise summen, als würden sie ungeduldig.
Eines Tages kam ein Junge namens Samir. Er suchte keinen Gegenstand, sondern den Augenblick, in dem seine kleine Schwester zum ersten Mal gelacht hatte. Das sei vor der Apotheke gewesen. Seit einem Umzug erinnere er sich nicht mehr an den Klang. Herr Knoop stellte das erste Glas auf den Tresen. Als Samir es berührte, sprang der Deckel auf. Sieben Minuten lang war das Fundbüro erfüllt von Kinderlachen, Sonnenlicht und dem Geruch nach Mandarinen. Danach war das Glas leer.
Herr Knoop verstand: Glück ließ sich nicht an Namen erkennen, sondern an Resonanz. Er stellte die Gläser in einen offenen Raum. Besucher durften daneben sitzen, ohne etwas zu fordern. Passte eine Erinnerung, öffnete sich ein Deckel von selbst. Manche Gläser blieben jahrelang geschlossen. Andere fanden ihre Menschen am ersten Tag.
Das größte Glas reagierte auf niemanden. Darin leuchtete ein ganzer Nachmittag. Erst als Herr Knoop eines Abends allein aufräumte, begann es zu vibrieren. Es enthielt seinen letzten Ausflug mit seiner Frau: eine verpasste Fähre, zwei zu teure Eisbecher und Regen. Er hatte diesen Tag nicht verloren, nur hinter Pflichten verstaut.
Herr Knoop öffnete das Glas nicht vollständig. Er nahm nur einen kleinen Lichtfunken heraus und steckte ihn in die Brusttasche. Den Rest ließ er für später.
Über der Tür des Fundbüros hängt heute ein neues Schild: Verlorenes Glück wird aufbewahrt, nicht garantiert. Bitte bringen Sie Geduld mit. Darunter steht in kleiner Schrift: Gefundene sieben Minuten können ein ganzes Leben lang nachleuchten.

