Eine ältere Hausmeisterin öffnet einen Schrank, aus dem Wolken und sanfter Regen quellen

Frau Nelke und der Regenschrank

Im Keller des Hauses Nummer achtundvierzig stand ein Schrank, den niemand außer Frau Nelke öffnen durfte. Die Bewohner glaubten, darin lägen Putzmittel. Tatsächlich bewahrte die Hausmeisterin dort Wetter auf. In Flaschen steckte Aprilregen, in Blechdosen Sommergewitter, und auf dem obersten Brett lag ein zusammengerollter Novembernebel.

Frau Nelke sammelte nur Wetter, das zur falschen Zeit kam. Regnete es beim Straßenfest, fing sie die Wolken mit einem Trichter ein. Drohte Hagel über den Balkonen, schob sie ihn in eine Dose. So blieb das Leben im Haus angenehm. Die Wäsche trocknete, Kindergeburtstage fanden draußen statt, und niemand musste im Schneematsch die Mülltonnen herausstellen.

Dann kam ein Sommer ohne Regen. Die Bäume in der Straße warfen ihre Blätter ab, der Spielplatz staubte, und auf den Balkonen hingen die Tomaten traurig an den Stängeln. Frau Nelkes Schrank war voll, doch sie zögerte. Wetter, einmal freigelassen, ließ sich nicht genau lenken. Außerdem hatte sie über Jahre gelernt, dass alle nur schönes Wetter wollten und sich anschließend über die Folgen beschwerten.

Eines Abends klopfte die siebenjährige Elif an die Kellertür. Sie trug einen Topf mit einer vertrockneten Sonnenblume. „Ein bisschen Regen würde reichen“, sagte sie. Frau Nelke seufzte, nahm eine kleine grüne Flasche und öffnete sie im Hof. Eine Wolke von der Größe eines Kissens stieg auf. Es regnete genau drei Minuten. Die Sonnenblume richtete sich ein wenig auf.

Am nächsten Tag standen alle Bewohner mit Eimern, Kannen und Vorschlägen vor dem Keller. Gemeinsam entwickelten sie einen Plan. Sie spannten Tücher, stellten Regentonnen auf und gruben Rinnen zu den Bäumen. Dann öffnete Frau Nelke den Schrank weit.

Zuerst kam Landregen, danach ein heftiger Schauer und schließlich ein Gewitter, das seit dem vorletzten Straßenfest schlechte Laune hatte. Wasser rauschte durch die Rinnen. Kinder tanzten barfuß, Erwachsene hielten die Tonnen fest, und Frau Nelke dirigierte die Wolken mit einem Besen. Nur der Novembernebel entwischte und blieb drei Tage im Treppenhaus hängen.

Seitdem verwaltet Frau Nelke das Wetter nicht mehr allein. Im Keller hängt ein Plan, wer beim nächsten Sturm welche Aufgabe übernimmt. Die Bewohner haben gelernt, dass Regen kein Defekt des Himmels ist.

Der Schrank enthält inzwischen nur noch wenige Vorräte. Auf einem freien Brett steht Elifs Sonnenblume, groß und gelb. Daneben liegt eine neue leere Flasche mit dem Etikett: Für einen Tag, an dem wir vergessen, dass gutes Wetter manchmal nass sein muss.