Im Wald hinter dem Steinbruch fielen die Blätter rückwärts. Sie lagen morgens am Boden, stiegen mittags in die Luft und hefteten sich abends wieder an die Zweige. Mara entdeckte den Wald kurz nach dem Tod ihrer Mutter. Sofort dachte sie, wenn Blätter zurückkehren konnten, müsse das vielleicht auch für andere Dinge gelten.
Sie trug den alten Schal ihrer Mutter hinein und legte ihn unter eine Buche. Stundenlang wartete sie. Der Schal bewegte sich nicht. Nur Blätter schwebten an ihr vorbei, jedes mit einem Bild aus dem vergangenen Sommer: ein Vogelnest, Regen, Kinder unter dem Baum.
Ein Förster namens Levin erklärte, der Wald drehe die Zeit nicht zurück. Die Blätter kehrten an die Zweige, um ihre Erinnerungen abzugeben. Danach fielen sie in der Nacht ein zweites Mal und wurden zu Erde. „Rückkehr ist hier ein Teil des Abschieds“, sagte er.
Mara wollte das nicht hören. Sie band den Schal an einen Ast. Am Abend stiegen die Blätter auf, aber der Schal zog den Zweig nach unten. Die Buche ächzte. Mara löste den Knoten. Dabei fiel ein kleines Blatt in ihre Hand. Darauf sah sie ihre Mutter an einem Küchentisch lachen. Die Erinnerung war nicht vollständig und dauerte nur einen Atemzug.
Mara ging tiefer in den Wald. Unter jedem Baum lagen Menschen, die Bilder empfingen und danach die Blätter losließen. Niemand durfte eines mitnehmen. Wer es versuchte, fand am Ausgang nur trockenen Staub in der Tasche.
Mara legte den Schal um ihre Schultern. Sie blieb bis in die Nacht. Die Blätter fielen wieder, diesmal ganz gewöhnlich. Am Morgen waren sie feuchte Erde. Ihre Mutter kam nicht zurück. Doch Mara erinnerte sich an Dinge, die im ersten Schmerz verschwunden waren: eine schiefe Melodie, Mehl auf der Nase, ein Streit mit anschließender Umarmung.
Später besuchte sie den Wald jeden Herbst. Manchmal erhielt sie ein Bild, manchmal nichts. Sie lernte, dass Erinnerungen nicht auf Befehl flogen.
Der Schal wurde mit den Jahren dünn. Als er schließlich riss, nähte Mara aus einem Stück einen kleinen Beutel und füllte ihn mit Erde aus ihrem Garten, nicht aus dem Wald. Darin pflanzte sie eine Buche. Ihre Blätter fielen in die übliche Richtung. Mara liebte den Baum trotzdem. Nicht alles musste zurückkehren, um weiterzuwachsen.
Als ihre eigene Tochter später nach der Großmutter fragte, zeigte Mara ihr keinen verzauberten Ort. Sie kochten gemeinsam das alte Familienrezept und sangen die schiefe Melodie. Erinnerung, begriff Mara, konnte auch vorwärtswandern – nicht als Wiederholung, sondern als etwas, das in einer neuen Stimme weiterklang.

