Die Schnabelpfoten – Folge 08: Geister aus Papier – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 08: Geister aus Papier

Die Falltür öffnete sich mit einem stöhnen, als hätte der Turm selbst etwas dagegen, dass jemand dort hinabstieg. Kühle Luft strömte empor, durchzogen von einem feinen Hauch nach Tinte, feuchtem Holz – und etwas anderem. Etwas Undefinierbarem. Es roch nach Erinnerung.

Grims war oben geblieben. „Ich warte hier“, hatte er gesagt. „Wenn ihr zurückkommt, bin ich noch da. Wenn nicht… dann hat das Archiv euch behalten.“

„Sehr ermutigend“, murmelte Basil, während er sich vorsichtig an Lottes Seite die knarrenden Stufen hinuntertastete.

Die Treppe war schmal, aber stabil. Ihre Schritte hallten an den steinernen Wänden wider. Je tiefer sie kamen, desto mehr verblasste das Licht, bis nur noch die kleine Lampe an Korax’ Stirnband flackernd Orientierung bot.

Schließlich erreichten sie den Boden.

Ein unterirdischer Raum tat sich vor ihnen auf – viel größer, als sie es erwartet hatten. Die Decke wölbte sich wie ein umgestülptes Schiff, getragen von massiven Balken, die teilweise von Pilz und Moos überwuchert waren. Überall standen Regale. Tausende davon. Hoch bis fast zur Decke, beladen mit Akten, Büchern, Schriftrollen, losem Papier. Ein Wald aus Wissen.

„Ich glaube nicht, dass das hier katalogisiert ist“, flüsterte Trixie.

„Was genau suchen wir?“ fragte Saphira.

„Eine Spur zur silbernen Feder“, antwortete Korax. „Vielleicht Hinweise auf den Schatten oder das, was unter Wasser liegt.“

Sie verteilten sich. Jeder ging einen anderen Gang entlang. Lotte und Korax blieben nahe beieinander, während Basil sich auf einem wackligen Regal entlang hangelte. Saphira durchkämmte die unteren Reihen, den Kopf gesenkt, die Nase wachsam. Trixie bewegte sich elegant durch die Reihen, sprang leise von einem Bord zum nächsten.

Es dauerte nicht lange, bis die erste Seltsamkeit auffiel.

Ein Flüstern. Leise, undeutlich. Wie Wind in Papier. Doch es war kein Wind hier unten.

„Habt ihr das gehört?“ fragte Basil.

„Nur, wenn ich es hören sollte“, antwortete Korax kryptisch.

Dann: Bewegung. Ein Blatt Papier löste sich aus einem der Regale und schwebte zu Boden. Dann noch eines. Und noch eines.

„Das ist nicht normal“, sagte Trixie.

Die Luft wurde kälter. Die Lampe an Korax' Stirnband flackerte – dann erlosch.

„Bleibt ruhig!“, rief Lotte. „Niemand trennt sich!“

Doch es war zu spät. Die Regale begannen sich zu verschieben. Nicht mechanisch – als würden sie atmen. Ein ganzer Gang bewegte sich, schloss sich hinter Basil. Die Gruppe war getrennt.

„Basil!“ rief Saphira.

„Ich bin okay!“ kam es gedämpft zurück. „Aber… hier ist jemand.“

Die anderen standen nun in einem kreisförmigen Raum, in dessen Mitte ein Podest stand. Darauf: Ein altes Buch. Offen. Die Seiten bewegten sich im Wind – nur: Es gab keinen Wind.

Korax trat näher. „Das ist… kein gewöhnliches Buch.“

Die Buchstaben leuchteten leicht. Als würde die Tinte leben. Plötzlich begannen die Seiten zu rascheln – dann hob sich eine Form aus dem Buch: ein Schatten, humanoid, aber konturlos. Ein Echo. Eine Erinnerung.

„Wer wagt es, hier zu lesen?“ fragte die Stimme.

„Die Schnabelpfoten“, sagte Lotte. „Wir suchen Wissen. Und Antworten.“

Die Gestalt zögerte. Dann senkte sie den Kopf. „Ihr seid spät. Vieles ist bereits verloren.“

„Noch nicht alles“, sagte Trixie. „Hilf uns.“

Der Schatten streckte eine transparente Hand aus und deutete auf eine Karte, die auf der Rückseite des Buches versteckt lag.

„Folgt dem roten Pfad. Doch seid gewarnt: Das, was unter Wasser liegt, will nicht gefunden werden.“

Dann verschwand der Schatten, als wäre er nie da gewesen.

Gleichzeitig öffnete sich ein schmaler Spalt in der Wand. Basil tauchte auf der anderen Seite auf. „Ich… hab vielleicht einen Geheimgang gefunden.“

Lotte atmete tief durch. „Dann gehen wir diesen Weg. Gemeinsam.“

Hinter ihnen schloss sich das Buch leise. Kein Staub blieb. Nur eine Frage in der Luft:

Wer hat es geschrieben?