Der Geheimgang hinter dem schmalen Spalt war kaum breit genug, dass Saphira, mit ihren breiten Schultern, hindurchpasste. Das Mauerwerk war alt, feucht, und die Luft roch nach Lehm, Moder – und einer Spur von Öl. Ein schmaler Streifen roten Stoffes war an einem rostigen Nagel hängen geblieben.
„Der rote Pfad“, flüsterte Korax. „Es beginnt.“
Basil kicherte nervös. „Wäre fast an mir vorbeigegangen. Ich hab den Stofffetzen zuerst für ein Bonbonpapier gehalten.“
Sie gingen in der Reihenfolge: Lotte vorne, gefolgt von Korax mit der Karte, Saphira, die mit der Schulter fast die Wände streifte, Basil flink und leichtfüßig – und Trixie, die sich immer wieder nach hinten umsah.
Der Gang führte leicht abwärts. Überall waren feine rote Markierungen – mal Stoff, mal Kreide, mal ein aufgemalter Pfeil. Doch es waren keine durchgehenden Zeichen. Der Pfad wollte gefunden werden, aber nicht von jedem.
„Wir sind tief unter Bellhausen“, murmelte Korax. „Hier unten verlaufen alte Wasseradern. Und Gerüchte.“
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich der Gang zu einem neuen Raum – einer Art unterirdischem Bahnhof. Verlassen.
Die Schienen verrostet, das Bahnsteigschild kaum lesbar: Haltepunkt Mühlenhof.
„Hier war ich noch nie“, sagte Trixie. „Und ich kenne jede Ecke der Stadt.“
„Vielleicht war das der Plan“, meinte Lotte. „Manche Orte wollen vergessen werden.“
Ein leises Rattern ließ alle erstarren. Aus der Dunkelheit kam ein alter Schienenwagen angerollt – langsam, als würde er geschoben.
Doch niemand war zu sehen.
„Das gefällt mir nicht“, knurrte Saphira und stellte sich schützend vor Basil.
Der Wagen kam zum Stehen. Darauf lag ein Kästchen. Klein, hölzern, verschlossen.
„Sieht aus wie ein Geschenk“, meinte Basil, trat aber nicht näher.
Korax hob es vorsichtig auf. „Schwer.“
Lotte öffnete den Deckel.
Darin: ein zweites Fragment der silbernen Feder – und ein Zettel. In krakeliger Handschrift stand dort:
Wenn ihr wirklich sucht, müsst ihr weiter. Der Pfad führt zur Wasserstraße. Doch seid gewarnt: Das Wasser denkt.
„Das Wasser denkt?“ wiederholte Trixie. „Das klingt wie ein Rätsel.“ „Oder wie eine Warnung“, murmelte Korax.
Sie nahmen den neuen Hinweis an sich und folgten dem roten Pfad, der nun in dunkle Kanalgänge führte. Die Mauern wurden glitschig, das Tropfen lauter. Ratten huschten vorbei, eine Fledermaus kreischte.
Und dann – ein Licht.
Nicht hell, eher grünlich. Es flackerte wie durch Wasser gebrochen. Vor ihnen lag ein unterirdischer Kanal. Dunkelgrünes Wasser, tief und still. Am Rand: eine schmale Plattform, daneben ein Boot, aus Holz und Metall, von Algen überwuchert.
„Sieht nicht sehr einladend aus“, sagte Basil.
„Aber es ist unser Weg“, entgegnete Lotte. „Wer fährt?“
„Ich!“, rief Saphira sofort.
„Ich lenke lieber“, sagte Korax ruhig und deutete auf einen hölzernen Steuerknauf.
Sie stiegen ein. Das Boot war überraschend stabil. Es glitt lautlos los – als würde es von selbst wissen, wohin es wollte.
Der Kanal wurde breiter. Über ihnen wölbten sich riesige Bögen, uralt. Das Licht der Laterne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche – und auf etwas anderem.
Etwas folgte ihnen.
Zuerst sah es nur Korax. Dann Trixie. Eine dunkle Gestalt im Wasser. Nicht schwimmend – gleitend.
„Da ist etwas!“ rief Trixie. „Links!“ Alle sahen es. Eine finstere, schattenhafte Kreatur, ohne Gesicht, ohne Umrisse – nur eine Präsenz. Das Wasser kräuselte sich um sie.
„Was ist das?!“ schrie Basil.
„Das Wasser denkt“, sagte Korax mit stockender Stimme.
Saphira nahm ein Ruder. „Ich hau dem Wasser gleich mal was bei!“
Doch Lotte hielt sie zurück. „Still bleiben. Keine Panik.“
Das Wesen kam näher. Und sprach.
Nicht mit Worten, sondern mit Gedanken. Eine Stimme in allen Köpfen zugleich:
Ihr habt den roten Pfad gewählt. Ihr sucht die Wahrheit. Doch Wahrheit hat einen Preis.
„Wir zahlen ihn“, sagte Lotte klar und deutlich.
Dann kommt weiter. Doch lasst zurück, was euch bindet. Wer zweifelt, kehrt jetzt um.
Ein Moment der Stille. Dann nickten alle.
„Wir sind die Schnabelpfoten“, sagte Saphira. „Wir gehen zusammen.“
Das Wesen verschwand. Das Wasser beruhigte sich. Das Boot glitt weiter – schneller nun. Es nahm Fahrt auf, als wäre es freigegeben worden.
Am Ende des Tunnels tauchte eine große Halle auf – mit Stegen, alten Geräten, und an der Wand ein riesiges Wandbild.
Darauf: eine Zeichnung der silbernen Feder. Und darunter in verblasster Schrift:
Nur wer schweigt, wird gehört.

