Die Schnabelpfoten – Folge 14: Der Turm der Namenlosen – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 14: Der Turm der Namenlosen

Die Kammer hinter dem zerbrochenen Spiegel war nicht nur eine Sackgasse – sie war ein Knotenpunkt. Als Basil mit seinen flinken Pfoten an der Rückwand entlangstrich, löste sich ein verborgener Mechanismus. Mit einem tiefen, hallenden Grollen schob sich ein Teil der Wand zur Seite und gab den Blick frei auf einen schmalen Gang, der in spiralförmiger Steigung nach oben führte. Kalte Luft strömte ihnen entgegen – und mit ihr ein sonderbarer Geruch: nach Leder, Tinte und… Zeit.

„Ein Turm“, sagte Korax leise. „Wir sind unter einem Turm.“

Saphira, die den Verband an ihrer Schulter neu justierte, sah entschlossen aus. „Lasst uns sehen, was da oben auf uns wartet.“

Sie stiegen auf. Der Gang war schmal und die Luft wurde mit jedem Schritt klarer. An den Wänden prangten eingeritzte Namen, hunderte, tausende vielleicht – alte Schriftzüge, manche lesbar, andere nur noch Schatten. Trixie fuhr mit einer Pfote darüber. „Es sind… Namen. Verlorene. Vergessene. Ich kenne keinen davon.“

„Deshalb heißt es wohl der Turm der Namenlosen“, murmelte Lotte. „Oder der, an den sich niemand mehr erinnern will.“ Oben angekommen, standen sie vor einer gewaltigen Doppeltür aus Eisenholz, geschmückt mit einem Symbol: eine Krähe, deren Flügel sich zu einem Kreis schlossen.

Korax erstarrte. „Das ist das Zeichen der Ältesten. Derjenigen, die vor uns kamen… und verschwanden.“

Als sie die Tür öffneten, offenbarte sich ein kreisrunder Saal, vollständig von Regalen gesäumt. In der Mitte: ein riesiger Globus – aber nicht von der Erde, sondern von Bellhausen. Mit Linien, die sich veränderten, wenn man sie ansah. Wie ein atmendes Wesen. An einem Lesepult lag ein altes Buch, aufgeschlagen. Es roch nach Federkiel und Schlaf.

„Das hier… ist ein Gedächtnis“, flüsterte Korax. „Dieser Turm erinnert sich an alles, was Bellhausen vergessen hat.“

Basil tappte leise zwischen den Reihen. „Hier steht mein Name… dreimal.“

Trixie zog ein Buch aus dem Regal. Es war versiegelt – mit dem gleichen Symbol wie auf der Tür. „Wir dürfen das vielleicht gar nicht sehen…“

„Aber wir müssen“, sagte Lotte. „Wenn wir diesen Schatten wirklich aufhalten wollen, müssen wir wissen, woher er kommt.“

Sie setzten sich um den Globus, das Licht wurde schwächer. Und dann begann das Buch vor ihnen zu sprechen. Keine Stimme, kein Laut – nur Gedanken. Bilder. Eine Zeit…

lange bevor die Stadt gebaut wurde. Eine Macht, die unter den Fundamenten eingeschlossen wurde. Ein Wesen, das nicht vergessen werden wollte – und deshalb begann, sich in Träumen zu zeigen.

Der Schatten.

„Er ist… ein Echo“, sagte Korax. „Ein Echo von dem, was hier war. Und was wir verdrängt haben.“

Der Globus zeigte plötzlich einen neuen Ort – einen alten Friedhof außerhalb der Stadt. Dort flackerte ein Licht.

„Da beginnt es“, sagte Lotte. „Da müssen wir hin.“

Doch als sie sich erhoben, bebte der Turm.

Eine Stimme – tief, brummend – erhob sich. „Ihr habt zu viel gesehen.“

Die Fenster verdunkelten sich, der Globus begann sich rasend schnell zu drehen. Bücher flatterten aus den Regalen. Die Schatten in den Ecken wurden länger.

„Schnell! Hier entlang!“ rief Basil, der eine verborgene Wendeltreppe entdeckt hatte.

Sie rannten. Über sich hörten sie das Splittern von Glas, das Krächzen unsichtbarer Kreaturen, das Flattern von dunklen Federn. Der Turm schien sie nicht gehen lassen zu wollen.

Doch sie schafften es. Der letzte Sprung über eine eingestürzte Brücke. Und dann: Tageslicht. Frisch. Hart. Ehrlich.

Sie standen außerhalb der Stadt. Vor ihnen: der vergessene Friedhof von Bellhausen. Und darauf: ein einzelner Grabstein mit fünf Kerben.

„Er wartet“, sagte Korax. „Und diesmal… kennt er unsere Namen.“