Eine Bäckerin in einer warmen Hamburger Backstube mit magisch leuchtenden Broten

Die Bäckerin von Sankt Pauli

Meryem öffnete ihre Bäckerei auf Sankt Pauli jeden Morgen um vier. Ihr Sauerteig hieß Hildegard und war älter als die meisten Stammkunden. Eines Tages gab Meryem versehentlich eine Handvoll Salz aus einer blauen Dose in den Teig. Als das Brot aus dem Ofen kam, roch die ganze Straße nach Zuhause.

Für jeden Menschen anders. Ein Seemann roch die Küche seiner Mutter in Izmir. Eine Studentin erinnerte sich an den Apfelbaum hinter ihrem Kinderzimmer. Ein obdachloser Mann roch eine Wohnung, die er seit fünfzehn Jahren nicht mehr betreten hatte. Wer das Brot aß, sah für wenige Minuten den Ort, an dem er sich zuletzt sicher gefühlt hatte.

Die Nachricht verbreitete sich. Bald standen Menschen bis zur Reeperbahn Schlange. Zeitungen nannten es „Heimatbrot“. Meryem backte Tag und Nacht, doch die blaue Dose wurde nicht leer.

Dann kam eine Frau namens Ruth. Sie aß eine Scheibe und begann bitter zu lachen. „Ich sehe nichts.“

Meryem gab ihr ein zweites Stück. Wieder nichts.

Ruth war in vielen Pflegefamilien aufgewachsen, später oft umgezogen und hatte nie einen Ort Heimat genannt. „Ihr Brot ist nur für Menschen, die schon Glück hatten“, sagte sie.

Der Satz ließ Meryem nicht los. In der folgenden Nacht veränderte sie das Rezept. Sie bat jeden Kunden, eine Zutat mitzubringen, die für ein mögliches Zuhause stand: Rosmarin, Honig, eine geriebene Kartoffel, Sesam, sogar einen Tropfen Meerwasser. Ruth brachte nichts. „Ich habe ja keine Erinnerung.“

„Dann bring eine Hoffnung“, sagte Meryem.

Ruth legte einen kleinen Messingschlüssel auf den Tisch. Er gehörte zu keiner Tür. Sie trug ihn seit ihrer Kindheit als Versprechen, irgendwann eine eigene zu besitzen.

Meryem legte den Schlüssel neben den Ofen. Das neue Brot roch nicht nach Vergangenheit. Es duftete nach frisch gestrichenen Wänden, einer noch unbenutzten Teekanne und Regen an einem Fenster, hinter dem man bleiben durfte. Als Ruth kostete, sah sie einen langen Tisch in einer hellen Küche. Menschen saßen daran, einige kannte sie noch gar nicht. Am Kopfende stand ein leerer Stuhl für sie.

Ruth wurde Meryems erste Mitarbeiterin. Später eröffnete sie über der Backstube eine Wohngemeinschaft für junge Menschen, die aus Pflegefamilien kamen. Der Messingschlüssel hing an der Eingangstür, obwohl er weiterhin in kein Schloss passte.

Das Heimatbrot gibt es noch, aber Meryem verkauft zwei Sorten. Das eine erinnert an Orte, die man verloren hat. Das andere schmeckt nach Orten, die man erst erschaffen muss. Stammkunden behaupten, die zweite Sorte sei kräftiger. Meryem sagt, das liege am Sauerteig. Hildegard schweigt wie immer und wächst geduldig weiter.