Eine schwarze Katze sitzt bei Mitternacht in einem leuchtenden Fenster über den Dächern

Die Katze im Fenster der Mitternacht

Um Mitternacht saß die schwarze Katze in einem Fenster, das ihr nicht gehörte. Am Montag war es Frau Lenz’ Küche, am Dienstag das Atelier eines Malers, am Mittwoch das Zimmer des Studenten Ravi. Niemand wusste, wie sie hineinkam. Türen und Fenster waren geschlossen, doch Punkt zwölf erschien sie auf der Fensterbank und blickte erwartungsvoll in die Wohnung.

Frau Lenz gab ihr Milch. Die Katze rührte sie nicht an, sondern miaute zur Wand. Dahinter hörte Frau Lenz ihren Nachbarn husten. Sie kannte seinen Namen nicht, obwohl sie seit acht Jahren nebeneinander wohnten. Am nächsten Morgen brachte sie ihm Suppe.

Beim Maler sprang die Katze auf einen Stapel unverkaufter Bilder und hinterließ Pfotenabdrücke auf einer Leinwand. Wütend trug er das Bild hinaus. Im Treppenhaus begegnete er Ravi, der die Abdrücke großartig fand und das Bild kaufte – für wenig Geld, aber mit ehrlicher Begeisterung.

Bei Ravi setzte sich die Katze auf seinen Laptop und schickte versehentlich eine leere Nachricht an seine Mutter. Sie rief sofort an. Ravi wollte das Gespräch erst wegdrücken, dann hörte er ihre Stimme und merkte, wie sehr er sie vermisst hatte.

Bald wartete das ganze Haus auf den mitternächtlichen Besuch. Manche stellten Leckereien bereit, andere wollten Fotos machen. Die Katze erschien jedoch nur bei Menschen, die etwas Wichtiges nicht bemerkten. Sie kratzte an Türen, warf Gegenstände um und setzte sich hartnäckig auf Telefone.

Eines Nachts blieb sie aus. Die Bewohner gingen in den Hof und riefen. Schließlich fanden sie die Katze im Keller vor einer verschlossenen Kammer. Dahinter lebte Herr Pohl, der frühere Hausmeister. Nach einem Streit mit dem Eigentümer hatte er heimlich dort gewohnt. Er war krank und zu stolz gewesen, um Hilfe zu bitten.

Die Hausgemeinschaft organisierte ein Zimmer, einen Arzt und so viele Suppen, dass Herr Pohl protestierte. Der Eigentümer wollte ihn hinauswerfen, doch diesmal standen alle Nachbarn gemeinsam vor der Tür. Sogar der Maler, der sonst niemandem widersprach.

Am folgenden Abend saßen sie im Hof an einer langen Tafel. Die schwarze Katze lief zwischen den Stühlen hindurch. Als die Uhr zwölf schlug, sprang sie auf die Mauer und verschwand auf der anderen Seite.

Sie wurde nie wieder im Haus gesehen. Doch Monate später entdeckte Frau Lenz sie drei Straßen weiter in einem fremden Fenster. Dort lebte ein Mann, der jeden Abend allein aß. Frau Lenz lächelte. Sie wusste, die Katze würde nicht lange bleiben.

Im alten Haus brauchte man sie nicht mehr. Die Bewohner kannten nun ihre Namen, teilten Werkzeug und stritten laut über den Putzplan. Manchmal saß um Mitternacht trotzdem ein Schatten auf der Fensterbank. Vielleicht kontrollierte die Katze nur, ob alle weiterhin hinsahen.