Ein Junge hört in einer Werkstatt ein magisch leuchtendes altes Radio

Die Stimme im alten Radio

Das Radio stand seit Jahren in Großvaters Werkstatt. Es hatte einen gesprungenen Drehknopf und empfing nur Rauschen. Nach der Beerdigung wollte Ben es wegwerfen. Da sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Tu es nicht. Morgen um 17:12 Uhr wirst du es brauchen.“

Ben ließ das Radio stehen. Am nächsten Tag um 17:12 Uhr warnte die Stimme: „Nimm nicht den Bus.“ Ben ging zu Fuß. Später erfuhr er, dass der Bus wegen eines Motorschadens liegen geblieben war. Nicht gefährlich, nur unangenehm. Das Radio hatte recht.

Von nun an sendete es jeden Abend kurze Nachrichten aus der Zukunft. „Lern für den Vokabeltest.“ – „Ruf Tante Vera an.“ – „Nimm einen Regenschirm.“ Ben folgte jeder Anweisung. Sein Leben wurde reibungsloser. Er schrieb gute Noten, verpasste keine Termine und stand nie im Regen.

Dann kündigte die Stimme an: „Am Freitag wird Mia dich fragen, ob du mit ihr ans Meer fährst. Sag Nein.“

Mia war Bens beste Freundin. Sie wollte mit dem Zug zu einem Konzert an die Küste. Das Radio nannte keinen Grund. Ben sagte trotzdem ab. Mia fuhr allein und lernte dort eine Band kennen. Wochen später zog sie in eine andere Stadt, um Musik zu machen. Ihre Freundschaft verlief sich.

„Warum sollte ich Nein sagen?“, fragte Ben das Radio.

„Weil du sonst eine Prüfung verpasst und dein späteres Studium gefährdest.“

Ben begriff, dass die Stimme nicht seine Sicherheit schützte, sondern eine bestimmte Zukunft. Eine ordentliche, erfolgreiche Zukunft, in der Überraschungen als Fehler galten.

Eines Nachts hörte er eine zweite, schwächere Stimme. Es war sein Großvater: „Ich habe zu lange auf das Radio gehört.“

Ben erinnerte sich, wie Großvater oft von Reisen gesprochen hatte, die er nie unternahm. Das Radio hatte ihm vermutlich ein sicheres Leben versprochen und dafür alle Umwege genommen.

Am nächsten Morgen drehte Ben den Knopf bis zum Anschlag. Die Zukunftsstimme wurde lauter: „Wenn du mich abschaltest, wirst du Fehler machen.“

„Das hoffe ich“, sagte Ben und zog den Stecker.

Er bestand nicht jede Prüfung. Er stand oft ohne Schirm im Regen. Später besuchte er Mia bei einem Konzert und entschuldigte sich. Sie wurden nicht wieder die Freunde von früher, aber etwas Neues und Ehrliches entstand.

Das Radio blieb in der Werkstatt. Manchmal flackerte die Skala, obwohl es keinen Strom hatte. Ben hörte nicht hin. Nur einmal, viele Jahre später, glaubte er die eigene Stimme sagen zu hören: „Gut gemacht.“ Vielleicht kam sie aus der Zukunft. Vielleicht war es bloß das Holz, das im Winter arbeitete. Beides genügte ihm.