Ein geheimnisvolles Café mit Tassen, über denen leuchtende Fragezeichen schweben

Das Café der unbeantworteten Fragen

Im Café Warum standen keine Preise auf der Karte. Man bestellte ein Getränk und bekam eine Frage dazu. Leichte Fragen kamen mit Tee, schwierige mit schwarzem Kaffee. Niemand durfte eine zweite bestellen, bevor die erste beantwortet war.

Mara hielt das für eine geschickte Geschäftsidee. Sie war Journalistin und schrieb über merkwürdige Orte. „Einen Espresso“, sagte sie.

Der Kellner stellte die Tasse ab. Auf dem Milchschaum, obwohl sie keine Milch bestellt hatte, erschien eine Frage: „Wessen Leben lebst du?“

Mara lachte und fotografierte die Tasse. Auf dem Bild war nur Kaffee zu sehen.

An den anderen Tischen reagierten Gäste unterschiedlich. Ein junger Mann bekam die Frage, warum er sich ständig entschuldigte. Eine alte Frau sollte sagen, welchen Traum sie noch nicht begraben hatte. Manche antworteten sofort. Dann löste sich ihre Frage wie Dampf auf. Andere saßen stundenlang.

Mara erklärte dem Kellner, ihre Frage sei ungenau. Sie lebe selbstverständlich ihr eigenes Leben. Doch auf dem Heimweg dachte sie an ihren Vater, der ebenfalls Journalist gewesen war. Sie hatte sein Studium gewählt, seine Zeitung, sogar seine Art zu schreiben. Seit seinem Tod versuchte sie, eine Version von ihm zu sein, die niemand kritisieren konnte.

Am nächsten Tag kehrte sie zurück. Die Frage stand noch auf ihrer Tasse, obwohl der Kaffee frisch war.

„Ich lebe das Leben, von dem ich glaube, dass mein Vater stolz darauf wäre“, sagte Mara.

Die Worte verschwanden nicht.

„Nicht vollständig“, meinte der Kellner.

Mara blieb bis zum Abend. Schließlich ergänzte sie: „Und ich benutze ihn als Ausrede, weil ich Angst habe herauszufinden, was ich selbst will.“

Die Frage löste sich auf. Der Espresso schmeckte plötzlich süß.

Mara kündigte nicht sofort. Sie schrieb zunächst einen Artikel, der anders klang als alles zuvor: persönlich, vorsichtig und voller eigener Zweifel. Die Redaktion lehnte ihn ab. Mara veröffentlichte ihn dennoch in einem kleinen Magazin. Zum ersten Mal fühlte sich ein Misserfolg nach ihr selbst an.

Monate später kam sie wieder ins Café. „Darf ich jetzt eine neue Frage?“

Der Kellner schüttelte den Kopf. „Die nächste kennen Sie bereits.“

Mara wusste, dass er recht hatte. Gute Fragen verschwinden nicht, wenn man sie einmal beantwortet. Sie verändern nur ihre Form.

Das Café Warum existiert weiterhin. Manche Gäste gehen wütend, manche erleichtert. Bezahlt wird mit einer ehrlichen Antwort. Wer keine findet, darf später wiederkommen. Der Kaffee wird kalt, die Fragen nicht.