Eine ältere Frau hält einen großen Schlüsselbund vor einer Reihe geheimnisvoller bunter Türen

Der Schlüsselbund von Frau Lenz

Frau Lenz trug einen Schlüsselbund mit siebenundvierzig Schlüsseln. Sie war keine Hausmeisterin. Ihre Schlüssel öffneten Türen, die Menschen irgendwann nicht geöffnet hatten: die Tür zu einem begonnenen Gespräch, zu einer Reise, zu einem neuen Beruf oder zu einem längst fälligen Nein.

Wer Frau Lenz brauchte, traf sie scheinbar zufällig. Sie stand im Aufzug, saß im Wartezimmer oder fragte an der Bushaltestelle nach der Uhrzeit. Dann klirrte ihr Bund. Ein Schlüssel wurde warm, und irgendwo erschien eine Tür.

Für den schüchternen Jan öffnete sie einen Proberaum, in dem eine Band noch einen Bassisten suchte. Für Frau Özdemir fand sie die Tür zu einem Abendkurs. Niemand wurde hindurchgeschoben. Frau Lenz schloss nur auf. „Gehen müssen Sie selbst“, sagte sie.

Eines Tages begann der kleinste Schlüssel zu glühen. Er war aus schwarzem Eisen und hatte nie reagiert. Die passende Tür erschien in Frau Lenz’ eigener Wohnung, zwischen Bücherregal und Fenster. Dahinter hörte sie Applaus und ihre junge Stimme. Früher hatte sie Theater spielen wollen. Nach einer einzigen misslungenen Vorstellung war sie nie wieder auf eine Bühne gegangen.

Frau Lenz setzte sich vor die Tür. Sie kannte alle klugen Sätze über Mut, doch für sich selbst fand sie Ausreden. Zu alt. Zu spät. Zu albern. Drei Tage blieb die Tür geschlossen. Am vierten klingelte Jan mit seinem Bass. Er wollte sich bedanken und bemerkte das Licht unter dem Türspalt.

„Gehen müssen Sie selbst“, sagte er freundlich.

Frau Lenz lachte über ihre eigenen Worte. Sie drehte den schwarzen Schlüssel um. Dahinter lag keine große Bühne, sondern der Gemeindesaal. Eine Amateurgruppe probte ein Stück und suchte dringend eine Frau, die eine strenge Königin spielen konnte. Frau Lenz las drei Sätze. Ihre Knie zitterten, aber niemand lachte an der falschen Stelle.

Sie bekam die Rolle. Bei der Premiere vergaß sie einen Satz und erfand einen neuen. Das Publikum applaudierte trotzdem. Nach der Vorstellung war der schwarze Schlüssel verschwunden. An seiner Stelle hing ein kleiner goldener.

Frau Lenz trägt den Bund noch immer. Seitdem verrät sie ihren Klienten, dass auch sie vor einer Tür gesessen hat. Manchmal ist das hilfreicher als Magie. Denn ein Schlüssel beweist nur, dass sich etwas öffnen lässt. Das eigentliche Wunder beginnt, wenn eine Hand trotz Zittern die Klinke herunterdrückt.