Karo fand die Scheibe in einer stillgelegten Glaserei. Sie war unbeschädigt, obwohl das Haus ringsum zerfallen war. Als sie Staub davon wischte, roch die Luft plötzlich nach Apfelkuchen. Ihr Kollege Deniz dagegen roch gebratenen Knoblauch und Meer. Die Scheibe zeigte nichts Besonderes, aber jeder nahm durch sie den Duft von Zuhause wahr.
Karo baute das Fenster in ihre Werkstatt ein. Kunden blieben davor stehen. Ein Paketbote roch nasse Hunde und Holzfeuer, eine Studentin Jasminreis, ein alter Mann Bohnerwachs und Tabak. Manche lächelten, andere mussten sich setzen. Karo selbst roch nach dem ersten Apfelkuchen gar nichts mehr.
Sie war in vielen Pflegefamilien aufgewachsen und früh ausgezogen. Den Duft ihrer ersten Erinnerung hatte sie für Zuhause gehalten, doch vielleicht war es nur ein geliehener Nachmittag gewesen. Je mehr Menschen von ihren Küchen und Fluren erzählten, desto leerer erschien ihr die eigene Wohnung.
Eines Abends zersprang die Scheibe ohne erkennbaren Grund. Karo sammelte die Teile und wollte sie wegwerfen. Deniz überredete sie, daraus viele kleine Fenster zu machen. Sie schliffen die Kanten und setzten die Stücke in Bilderrahmen. Karo verschenkte sie an Menschen, die weit von ihren Familien lebten.
Das letzte Stück war kaum handgroß. Karo stellte es auf ihren Küchentisch. Dahinter sah man nur die Wand. Sie kochte Suppe, Deniz brachte Brot, und zwei Nachbarn kamen vorbei, weil sie eigentlich nur einen Bohrer zurückgeben wollten. Sie blieben. Jemand verschüttete Wein, alle redeten gleichzeitig, und auf dem Herd brannte die zweite Portion beinahe an.
Da roch Karo etwas durch das Glas: Suppe, warmes Brot, Metallstaub aus der Werkstatt und den Regen in den Jacken der Gäste. Kein Duft aus ihrer Kindheit. Es war ein neuer Geruch, der gerade erst entstand.
Am nächsten Morgen war das Glasstück wieder klar und gewöhnlich. Karo war nicht enttäuscht. Sie ließ es auf dem Tisch stehen. In der Werkstatt baute sie fortan Fenster, die gut schlossen und Licht hereinließen. Magie versprach sie niemandem.
Doch Kunden erzählten manchmal, ihre neuen Scheiben röchen in den ersten Tagen nach einem Ort, den sie noch nicht kannten. Karo sagte dann, man solle öfter Menschen einladen und etwas kochen. Ein Zuhause, hatte sie gelernt, war nicht nur eine Erinnerung. Es konnte auch ein Duft sein, der noch keinen Namen hatte.

