Ein alter Schirmmacher steht zwischen bunten Regenschirmen, die im starken Wind wie Blumen aufgehen

Der Schirmmacher und der Wind

Oskar baute Schirme, die niemals umklappten. Er kannte den Westwind, der an Griffen zog, den böigen Nordwind und den warmen Wind, der Regen nur zum Spaß unter Dächer trieb. In jeden Schirm nähte er einen dünnen Faden, mit dem sich der Wind beruhigen ließ.

Die Menschen liebten seine Arbeit. Bald bestellte die Stadt riesige Schirme für Plätze, Haltestellen und ganze Straßenzüge. Oskar spannte immer mehr beruhigende Fäden. Der Wind wurde schwächer. Zuerst freuten sich alle: keine zerzausten Frisuren, keine fliegenden Zeitungen, kein Regen von der Seite.

Dann blieb der Wind vollständig aus. Die Luft stand zwischen den Häusern. Segelboote lagen im Hafen, Samen fielen direkt unter ihre Pflanzen, und die Kinder konnten keine Drachen steigen lassen. Selbst die Wolken bewegten sich nicht. Über der Stadt hing tagelang dieselbe graue Decke.

Oskar prüfte seine Fäden. Sie hatten sich unter den Straßen zu einem Netz verbunden. Jeder Schirm zog den Wind ein wenig fester, bis er im alten Wasserturm gefangen war. Dort hörte Oskar ihn heulen. „Du hast uns doch nur geschützt“, sagten die Leute. Aber Oskar wusste, dass ein Schutz, der nichts mehr durchließ, zum Käfig geworden war.

Er rief alle Besitzer seiner Schirme auf den Marktplatz. Gemeinsam trennten sie die beruhigenden Fäden. Zuerst geschah nichts. Dann sprang die Tür des Wasserturms auf. Ein gewaltiger Windstoß raste durch die Stadt. Hüte flogen, Papier wirbelte, und sämtliche Schirme klappten gleichzeitig nach außen.

Das Chaos dauerte zehn Minuten. Danach schoben sich die Wolken weiter, frische Luft strömte durch die Gassen, und am Hafen füllten sich die Segel. Oskar reparierte die Schirme, nähte aber keine Fäden mehr hinein. Stattdessen erklärte er den Kunden, wie man einen Schirm schräg hält und wann man ihn besser schließt.

Seine neuen Modelle waren nicht unbesiegbar. Bei starken Böen drehten sie sich gelegentlich um. Auf der Innenseite stand dann ein Satz: Nicht jeder Widerstand ist ein Fehler. Manchmal zeigt er nur, wie kräftig die Welt sich bewegt.

Oskar behielt den letzten alten Faden. Er hing ihn ins Fenster, wo er bei jedem Luftzug summte. Wenn die Stadt wieder zu viel Kontrolle verlangte, musste Oskar nur zuhören. Der Wind erinnerte ihn zuverlässig daran, dass Freiheit ein wenig Unordnung mitbrachte.