Ein moderner Bürofahrstuhl ist voller Blumen, Ranken und warmem Sonnenlicht

Montags blüht der Fahrstuhl

Im Bürohaus am Ring blühte montags der Fahrstuhl. Zwischen Erdgeschoss und erster Etage wuchsen Krokusse aus dem Teppich, bis zum fünften Stock rankte Efeu an den Wänden, und im achten öffnete sich eine weiße Magnolie unter der Decke. Dienstags war alles verschwunden.

Die Angestellten reagierten zunächst wie auf eine technische Störung. Sie schickten Fotos an die Hausverwaltung, stiegen auf den zweiten Aufzug um und beschwerten sich über Blütenstaub. Nur Zoe fuhr jeden Montag im Gartenfahrstuhl. Sie arbeitete im zehnten Stock, kannte aber kaum jemanden im Gebäude.

Eines Morgens blieb der Fahrstuhl zwischen dem sechsten und siebten Stock stehen. Mit Zoe waren ein Steuerberater, eine Reinigungskraft, zwei Designerinnen und der schweigsame Pförtner eingeschlossen. Das Notrufsystem rauschte. Gleichzeitig wuchsen Erdbeeren aus dem Bedienfeld.

Eine Stunde lang konnten sie nichts tun außer warten. Sie teilten die Erdbeeren. Der Steuerberater erzählte, dass er in der Mittagspause heimlich Gedichte schrieb. Die Reinigungskraft wusste, wie man aus Magnolienblüten Sirup machte. Der Pförtner hieß Bo und hatte früher als Gärtner gearbeitet. Niemand hatte ihn je danach gefragt.

Bo entdeckte, dass die Pflanzen auf Gespräche reagierten. Sobald jemand nur über Arbeit sprach, schlossen sich die Blüten. Wenn einer etwas Persönliches erzählte, öffneten sie sich. Gemeinsam brachten die Eingeschlossenen die Magnolie so stark zum Blühen, dass ein Ast den Kontakt der Tür überbrückte. Der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung.

Danach traf sich die Gruppe montags im Erdgeschoss. Sie fuhren absichtlich langsam nach oben und luden andere ein. Aus den kurzen Begegnungen entstanden Mittagspausen, ein Vorleseabend und ein echter Dachgarten, den Bo plante. Die Hausverwaltung hörte auf, die Pflanzen entfernen zu lassen.

Eines Montags blieb der Fahrstuhl grau. Kein Blatt, keine Blüte. Zoe war enttäuscht, bis sie aufs Dach kam. Dort standen Menschen aus allen Etagen zwischen Beeten, gossen Tomaten und tranken Kaffee. Der Garten wurde im Fahrstuhl nicht mehr gebraucht.

Seitdem blüht er nur noch gelegentlich, meist wenn ein neuer Mieter einzieht und wochenlang niemanden grüßt. Dann erscheint zwischen zwei Etagen eine einzelne Blume. Wer sie bemerkt, weiß, dass es Zeit ist, die Fahrt nicht schweigend zu Ende zu bringen.