Die Bibliothek erschien nur, wenn drei Navigationssterne genau in einer Linie standen. Nia sah sie auf dem Flug nach Keplerhafen: ein Ring aus Licht, gefüllt mit Millionen Büchern. Ihr Schiff empfing eine Einladung ohne Absender.
Im Inneren gab es keine Schwerkraft. Bücher schwebten an langen Fäden. Eine Bibliothekarin aus silbernem Staub erklärte, jeder Band beschreibe eine mögliche Zukunft. Sobald jemand las, veränderte sich die Wahrscheinlichkeit dieser Zukunft – manchmal näherte sie sich, manchmal verschwand sie.
Nia suchte nach dem Buch ihres Schiffes. Sie fand mehrere: In einem erreichte die Besatzung sicher den Hafen. In einem anderen entdeckte sie unterwegs einen bewohnbaren Mond. Ein dritter endete nach einem Fehler im Reaktor. Nia wollte wissen, welcher wahr war.
„Wahr ist keine Eigenschaft ungelebter Zeit“, sagte die Bibliothekarin. „Nur möglich.“
Nia las den Reaktorband trotzdem. Darin stand genau, welches Ventil versagen würde. Zurück auf dem Schiff ließ sie es austauschen. Doch die Reparatur verzögerte den Flug, wodurch sie in einen Meteoritenschwarm gerieten, der in keinem gelesenen Buch vorkam. Wissen hatte den Kurs bereits verändert.
Die Besatzung überstand den Sturm. Nia kehrte zur Bibliothek zurück und wollte alle Bände über ihren Flug schließen. Das war unmöglich. Jede Entscheidung schrieb neue Möglichkeiten.
Sie wählte schließlich ein leeres Buch. Auf der ersten Seite stand nur: Kurs wird gemeinsam bestimmt. Nia brachte es an Bord. Die Besatzung trug Risiken, Wünsche und Beobachtungen ein. Das Buch sagte nichts voraus. Es half ihnen, Entscheidungen sichtbar zu machen.
Sie erreichten Keplerhafen später als geplant, aber sicher. Den bewohnbaren Mond entdeckten sie nicht. Vielleicht existierte er in einer anderen Zukunft weiter.
Die Bibliothek hinter dem Orion blieb ein Geheimnis, das Nia in ihren Berichten erwähnte, ohne Koordinaten anzugeben. Einige Kollegen glaubten ihr, andere nicht.
Auf späteren Reisen erschien manchmal ein silberner Faden im Navigationsraum. Daran hing ein neues leeres Buch. Nia öffnete es nie allein. Zukünfte, hatte sie gelernt, waren keine Fahrpläne zum heimlichen Vorauslesen. Sie waren Räume, in denen Wissen, Unsicherheit und viele Stimmen gemeinsam einen Kurs suchten.

