Die Stunde, die nicht stattfinden wollte
Ein Loch im Stundenplan
Am dritten Morgen entdeckte Malwine, dass ihr Stundenplan über Nacht gewachsen war. Zwischen „Wahrscheinlichkeitszauber“ und „Mittag in laut“ klebte plötzlich ein neuer Eintrag:
11:07 Uhr – Unterricht, der nicht stattfindet. Raum 0. Anwesenheit zwingend.
Malwine hielt das Blatt gegen das Licht. Die Zeile verschwand. Sie legte es auf den Tisch. Die Zeile war wieder da.
„Das ist bestimmt eine Prüfung“, sagte Jaro Wippel, der ihr gegenübersaß und sein Marmeladenbrot mit einem Lineal bestrich. Jaro konnte Lügen hören. Kleine Lügen klangen für ihn wie eine Mundharmonika, große wie ein umfallender Kleiderschrank.
„Oder ein Druckfehler“, sagte Enna Klee. Enna konnte Eigenschaften vertauschen. Gestern hatte sie versehentlich die Schwere ihres Koffers auf eine Feder übertragen. Seitdem lag die Feder im Innenhof und weigerte sich, aufgehoben zu werden.
„Druckfehler tragen selten den Zusatz ‚Bei Nichterscheinen werden Sie rückwirkend abgemeldet‘“, sagte Malwine.
Um elf Uhr standen die drei vor Raum 1. Daneben lag Raum 2, gegenüber Raum 3. Einen Raum 0 gab es nicht. Sie fragten Frau Knorrig, doch die Türlehrerin starrte sie an, als hätten sie nach dem Weg zum Donnerstag gefragt.
„Raum 0? So etwas haben wir nicht“, sagte sie.
In Jaros Ohren spielte eine Mundharmonika drei falsche Töne.
„Sie lügen“, flüsterte er.
Frau Knorrig wurde blass. „Ich lüge nie. Ich verschweige höchstens in pädagogisch wertvoller Weise.“
Da schlug die große Pausenglocke im Ostturm elfmal. Beim zwölften Schlag blieb sie mitten im Ton hängen. Das Geräusch zog sich lang durch die Gänge, wurde dünner und riss plötzlich ab.
Alle Uhren sprangen von 11:06 Uhr auf 12:08 Uhr.
Eine ganze Stunde war verschwunden.
Die Schüler standen noch an denselben Plätzen, aber ihre Haare waren zerzaust, ihre Schuhe staubig und Jaros Lineal steckte in einem Blumentopf. Enna hielt einen Schlüssel in der Hand, den sie vorher nicht besessen hatte. Malwine hatte Kreide an den Fingern und einen Satz auf dem Unterarm:
Nicht die Glocke suchen. Sucht den, der sie zum Schweigen gebracht hat.
„Haben wir gerade Unterricht gehabt?“, fragte Enna.
„Keine Ahnung“, sagte Jaro. „Aber wenn das eine Lüge ist, höre ich sie nicht.“
Im Speisesaal fehlten an diesem Mittag sieben Stühle. Niemand wusste, wem sie gehört hatten. Auf der Anwesenheitsliste standen drei Namen, die sich beim Lesen selbst durchstrichen. Herr Ziegel lief von Tisch zu Tisch und zählte die Schüler immer wieder neu.
„Es fehlen keine Schüler“, erklärte er schließlich. „Es fehlen nur die Erinnerungen daran, dass jemand fehlen könnte. Das ist verwaltungstechnisch günstiger.“
Seine Bratpfanne knurrte.
Malwine zeigte ihm den Satz auf ihrem Arm. Herr Ziegel las ihn, setzte seine Fliege schief und tat etwas, das Direktoren selten tun: Er schwieg.
„Sie wissen, was Raum 0 ist“, sagte Malwine.
Jaros Ohren füllten sich mit einem leisen Akkordeonspiel.
„Raum 0 ist eine alte Geschichte“, sagte Herr Ziegel.
Das Akkordeon wurde lauter.
„Eine sehr alte Geschichte.“
Jetzt kam eine Trompete hinzu.
„Gut“, seufzte Herr Ziegel. „Raum 0 ist dort, wo die Akademie Dinge aufbewahrt, die aus dem Stundenplan gefallen sind. Verbotene Fächer. Vergessene Lehrer. Prüfungen, die niemand bestanden hat. Und einmal pro Jahrhundert eine brauchbare Vertretungsstunde.“
„Wie kommen wir hinein?“, fragte Enna.
„Gar nicht. Der Raum lässt nur herein, wen er bereits vergessen hat.“
Malwine musste niesen.
Das Licht flackerte. Für einen Herzschlag sah sie den Gang doppelt: einmal so, wie er war, und einmal mit einer schmalen schwarzen Tür zwischen Raum 1 und Raum 2. Auf der Tür stand eine silberne Null. Davor lag Herr Ziegels Bratpfanne und kratzte mit dem Griff drei Wörter in den Boden:
DIREKTOR NICHT ALLEIN.
Dann war das Bild fort.
Malwine wischte sich die Nase. „Ich glaube, wir haben ein größeres Problem.“
Am anderen Ende des Flurs bog Herr Ziegel um die Ecke.
Und direkt hinter ihnen sagte eine vertraute Stimme: „Das fürchte ich auch.“
Sie drehten sich um.
Dort stand Herr Ziegel ein zweites Mal.

