Die Tür mit der Null
Ein Raum für verlorene Dinge
Zwei Direktoren Ziegel standen im Gang. Beide trugen dieselbe karierte Fliege, denselben leicht beleidigten Gesichtsausdruck und unter dem Arm dieselbe Bratpfanne.
„Das ist meiner“, sagte der linke Herr Ziegel und zeigte auf den rechten.
„Unsinn“, sagte der rechte. „Ich bin meiner. Er ist seiner. Das ist doch nicht kompliziert.“
Die beiden Bratpfannen knurrten einander an.
Malwine sah zu Jaro. „Hörst du eine Lüge?“
Jaro presste die Hände auf die Ohren. „Ich höre ein ganzes Blasorchester. Aber es spielt von beiden Seiten.“
Enna hob den Schlüssel, der nach der verschwundenen Stunde in ihrer Hand gelegen hatte. Er war klein, schwarz und so kalt, dass ihre Finger dampften. Kaum hielt sie ihn zwischen Raum 1 und Raum 2, erschien dort die schmale Tür aus Malwines Niesbild. Eine silberne Null glitzerte auf dem Holz.
Beide Direktoren riefen gleichzeitig: „Nicht öffnen!“
Das genügte Malwine als Empfehlung.
Der Schlüssel passte. Hinter der Tür lag keine Kammer, sondern ein Flur, der steil nach unten führte, obwohl die Akademie auf einem schwebenden Parkplatz gebaut war. An den Wänden hingen Stundenpläne aus vergangenen Jahrzehnten. Manche enthielten Fächer wie „Fortgeschrittenes Vielleicht“, „Topfpflanzenpsychologie“ und „Verantwortungsvolles Weltuntergehen“.
„Wir gehen da nicht hinein“, sagte der linke Herr Ziegel.
„Ausnahmsweise hat er recht“, sagte der rechte.
Malwine, Jaro und Enna gingen hinein.
Die Tür schlug hinter ihnen zu. Das Licht kam aus Glühbirnen, die nicht leuchteten, sondern leise summten. In hohen Regalen lagerten beschriftete Kartons:
DREIZEHN MINUTEN AUS DEM JAHR 1984
HAUSAUFGABEN, DIE DER HUND WIRKLICH GEFRESSEN HAT
EIN DONNERSTAG, KAUM BENUTZT
Zwischen den Regalen saß eine kleine Frau in einem Mantel aus Staubwedeln. Ihre grauen Haare standen waagerecht vom Kopf ab. Sie stempelte Formulare, ohne hinzusehen.
„Frau Fluse?“, fragte Enna.
„Kommt darauf an, wer fragt“, antwortete die Frau.
„Drei Schüler, die eine Stunde verloren haben.“
Frau Fluse schob ihnen ein Formular hin. „Verlustgrund?“
„Unbekannt.“
„Fundort?“
„Auch unbekannt.“
„Vorbildlich. Dann seid ihr hier richtig.“
Frau Fluse erklärte, Raum 0 sei das Gedächtnis der Akademie. Alles, was niemand mehr einordnen könne, lande früher oder später hier. Seit einer Woche kämen jedoch Dinge an, die gar nicht verloren seien: Namen, Pausenzeiten, Türgriffe und gestern sogar der Geruch der Kantine.
„Den hätten Sie behalten können“, sagte Jaro.
Frau Fluse führte sie zu einem eisernen Schrank. Darin stand ein großes Marmeladenglas. Im Glas schwebte die Pausenglocke, kaum größer als eine Walnuss. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, zitterten die Regale.
Auf dem Deckel klebte ein roter Zettel:
NICHT LÄUTEN, SOLANGE DER DIREKTOR DOPPELT EXISTIERT.
„Wer hat sie eingesperrt?“, fragte Malwine.
Frau Fluse deutete auf das Besucherbuch. Der letzte Eintrag war mit peinlich geraden Buchstaben geschrieben:
Dr. Adalbert Ordnungshuber – außerordentliche Schulaufsicht – Zweck: Beseitigung unzulässiger Möglichkeiten.
„Der Name klingt wie gebügelte Unterwäsche“, sagte Enna.
Jaro zuckte zusammen. Aus dem Besucherbuch dröhnte für ihn ein umfallender Kleiderschrank.
„Der Name ist gelogen“, sagte er. „Oder die Person. Vielleicht beides.“
Plötzlich erlosch das Summen der Lampen. Aus den Regalen kam ein Rascheln, als würden tausend vergessene Zettel gleichzeitig Atem holen. Am Ende des Flurs erschien ein Mann in grauem Anzug. Seine Haare waren so ordentlich gescheitelt, dass selbst die Staubkörner vor ihm in Reihen fielen.
„Schüler gehören nicht ins Archiv“, sagte er.
„Und Schulaufseher gehören nicht in Marmeladengläser“, antwortete Malwine.
„Ich bringe Ordnung. Diese Akademie hat lange genug so getan, als sei Unfug eine Begabung.“
Er schnippte mit den Fingern. Jaros Hemdknöpfe richteten sich aus. Ennas Schnürsenkel banden sich zu identischen Schleifen. Malwines Gedanken standen plötzlich in einer Reihe, und es war das unangenehmste Gefühl ihres Lebens.
„Morgen um acht beginnt die Eignungsprüfung“, sagte Ordnungshuber. „Wer keine nachweisbar nützliche Gabe besitzt, verlässt die Akademie. Wer eine gefährliche Gabe besitzt, gibt sie ab.“
„Und wer entscheidet das?“, fragte Malwine.
„Die Regeln.“
Hinter ihm öffnete sich die Tür mit der Null.
Bevor Ordnungshuber verschwand, sah Malwine, dass er keinen Schatten warf.
Frau Fluse zog scharf die Luft ein. „Dann ist es schlimmer, als ich dachte. Er ist kein Mensch.“
„Was ist er dann?“
„Eine Vorschrift“, sagte sie. „Eine sehr alte. Und jemand hat sie lebendig gemacht.“

