Zwei Direktoren und eine Bratpfanne
Wer Ziegel kennt, braucht keine Geburtsurkunde
Als Malwine, Jaro und Enna aus Raum 0 zurückkehrten, warteten die beiden Direktoren noch immer im Flur. Der linke hatte inzwischen eine Tafel aufgestellt. Darauf stand: ICH BIN DER ECHTE. Der rechte hatte die Tafel durchgestrichen und daruntergeschrieben: DAS WÜRDE DER FALSCHE SCHREIBEN.
„Wir haben Ordnungshuber getroffen“, sagte Malwine.
Beide Direktoren wurden blass.
„Unmöglich“, sagte der linke.
„Leider sehr möglich“, sagte der rechte.
Jaros Ohren veranstalteten wieder ein Blaskonzert.
Frau Fluse hatte ihnen die Glocke nicht mitgegeben. Stattdessen hatte sie Malwine einen verbogenen Teelöffel in die Hand gedrückt und gesagt: „Wenn die Zeit reif ist, weißt du, was du damit umrühren musst.“ Das war als Hilfe gedacht, machte aber vor allem Hunger.
Enna umrundete die Direktoren. „Wenn einer von Ihnen eine Kopie ist, müsste doch die Bratpfanne den Unterschied kennen.“
Beide Pfannen saßen friedlich unter den Armen ihrer Besitzer.
„Sie heißt Hermine“, sagte der linke Ziegel.
„Sie heißt Gertrud“, sagte der rechte.
Die linke Bratpfanne biss ihren Direktor in den Ärmel.
„Gertrud“, sagte Malwine. „Der rechte ist echt.“
Der falsche Ziegel lächelte. Sein Gesicht blieb dabei einen Augenblick zu lange unbeweglich. Dann zerfiel er in schmale Papierstreifen, auf denen Schulregeln gedruckt waren. Die Streifen krochen wie graue Würmer über den Boden und verschwanden in den Ritzen.
Herr Ziegel hob Gertrud hoch. „Braves Mädchen.“
Die Bratpfanne schnurrte metallisch.
Im Direktorenzimmer erklärte er, was geschehen war. Vor vielen Jahren hatte die Akademie eine einzige feste Vorschrift besessen: Jede Begabung muss nützlich, messbar und beherrschbar sein. Die Vorschrift hatte fast alle Schüler ausgeschlossen. Also war sie abgeschafft und im Archiv abgelegt worden.
„Regeln verschwinden aber nicht, nur weil man sie nicht mehr beachtet“, sagte Herr Ziegel. „Manche werden bitter. Manche gründen einen Kegelverein. Diese hier hat offenbar beschlossen, Schulaufsicht zu spielen.“
Ordnungshuber brauchte drei Dinge, um die Akademie neu zu schreiben: die Pausenglocke, das Regelbuch und die Unterschrift des Direktors. Die Glocke hatte er bereits zum Schweigen gebracht. Den Direktor hatte er kopiert. Nur das Regelbuch fehlte.
„Wo ist es?“, fragte Jaro.
Herr Ziegel zeigte auf Gertrud.
„In der Bratpfanne?“
„Die Bratpfanne ist das Regelbuch.“
Malwine sah Gertrud an. Auf ihrem Boden waren tatsächlich winzige Sätze eingeritzt. Einer lautete: Pfannkuchen sind freitags grundsätzlich rund. Ausnahmen bedürfen keiner Begründung.
„Warum ist das Regelbuch eine Bratpfanne?“
„Weil niemand freiwillig ein Regelbuch klaut, das beim Anfassen beißt.“
In diesem Moment erklang aus den Lautsprechern eine Stimme, trocken wie ungekochter Reis:
„Achtung. Ab sofort gelten vorläufige Normalitätsbestimmungen. Schwebende Schüler haben den Boden zu benutzen. Gespräche mit Möbeln sind einzustellen. Explosionen sind drei Werktage vorher anzumelden.“
Im Flur plumpste jemand von der Decke. Der Teppich vor dem Direktorenzimmer verstummte mitten in einer Beleidigung. Malwine spürte ein Kribbeln in der Nase, doch das Niesen kam nicht. Ihre Gabe fühlte sich an, als hätte jemand eine Decke darübergelegt.
Die Tür sprang auf. Frau Schnatterfeld stürmte herein. Ihre Lupenbrille war beschlagen.
„Die Klassenzimmer richten sich aus!“, rief sie. „Raum 7 hat vier rechte Winkel. Vier! So etwas hatten wir seit 1962 nicht mehr.“
Hinter ihr marschierten graue Papierfiguren durch den Gang. Jede trug einen Stempel. Wo sie vorbeikamen, verschwanden krumme Bilder, widerspenstige Türklinken und sämtliche Farben, die nicht in ein Formular passten.
Herr Ziegel reichte Gertrud an Malwine. „Bringt sie zu Frau Fluse. Raum 0 kann das Regelbuch verbergen.“
„Und Sie?“
„Ich lenke Ordnungshuber ab.“
„Wie?“
Herr Ziegel holte eine zweite Fliege aus der Schublade und setzte sie sich über die erste. „Mit einem unangemeldeten Elternabend.“
Malwine, Jaro und Enna rannten los. Gertrud war schwer und schlug bei jeder Kurve Funken. Vor Raum 0 wartete Ordnungshuber.
„Pünktlich“, sagte er. „Das gefällt mir.“
Enna berührte Gertrud und dann Jaros Lineal. Die Schwere der Bratpfanne sprang auf das Lineal über. Es krachte durch den Boden. Gertrud wurde federleicht.
Malwine warf sie Jaro zu. „Lauf!“
Ordnungshuber hob die Hand. Der Gang wurde schnurgerade und endlos lang. Die Tür mit der Null rückte in unerreichbare Ferne.
„In einer geordneten Schule“, sagte er, „gibt es keine Abkürzungen.“
Malwines Nase kribbelte stärker. Sie dachte an Staub, Katzenhaare, Überraschungen und den Senfkakao vom Dienstag.
Dann nieste sie.
Für einen Augenblick platzte Ordnungshubers gerader Gang in sieben unmögliche Richtungen. Eine davon führte direkt zu Raum 0.
Die drei sprangen hindurch. Hinter ihnen schlug die Tür zu.
Auf der anderen Seite hielt Jaro Gertrud triumphierend hoch.
Im Pfannenboden erschien ein neuer Satz:
EIGNUNGSPRÜFUNG MORGEN, ACHT UHR. DURCHFALLEN ERWÜNSCHT.

