Die Akademie der Fragwürdigbegabten – Kapitel 7: Die Glocke schlägt dreizehn – Titelbild

Kapitel 7 – Die Akademie der Fragwürdigbegabten

Die Glocke schlägt dreizehn

Eine Minute, die länger werden musste

Von der Aula bis zum Ostturm waren es normalerweise fünf Minuten. An diesem Tag blieben Malwine, Jaro und Enna genau sechzig Sekunden.

„Das schaffen wir nie“, sagte Enna.

„Dann brauchen wir eine längere Minute“, sagte Malwine.

Sie rannten zu Raum 0. Hinter ihnen löste sich Ordnungshuber weiter auf, doch jeder Papierstreifen, der von ihm abfiel, verwandelte eine Ecke der Akademie in etwas Gewöhnliches. Die singenden Heizkörper verstummten. Die Treppen führten nur noch nach oben oder unten. Im Speisesaal wurde Wackelpudding zu Nachtisch.

Frau Fluse wartete bereits. Vor ihr stand ein Eimer, in dem ein silbriges Leuchten schwappte.

„Dreizehn verlorene Minuten“, sagte sie. „Mehr konnte ich nicht auftreiben. Zwei stammen aus einer Lateinarbeit von 1976. Behandelt sie vorsichtig.“

Malwine zog den verbogenen Teelöffel aus der Tasche und rührte. Die Minuten wurden zäh wie Honig. Draußen bewegte sich der Sekundenzeiger langsamer.

13:12 Uhr und eine Sekunde.

„Die Glocke!“, rief Jaro.

Frau Fluse öffnete den Eisenschrank. Das Marmeladenglas war leer.

Auf dem Boden lag ein sauber gefalteter Zettel:

ORDNUNGSGEMÄSS BESCHLAGNAHMT.

Ordnungshuber stand bereits auf dem Dach. Durch ein kleines Fenster sahen sie seine graue Gestalt neben dem Glockenstuhl. In den Händen hielt er Gertrud. Die Bratpfanne schnappte nach seinen Fingern, aber Papier kann schlecht bluten.

„Er hat das Regelbuch“, sagte Enna.

„Und die Glocke“, sagte Jaro.

„Dann holen wir beides“, sagte Malwine.

Der direkte Weg zum Dach war verschwunden. Ordnungshuber hatte alle unnötigen Treppen entfernen lassen. Enna legte eine Hand an die Wand und die andere auf eine Leiter, die im Archiv lag. Sie vertauschte ihre Kletterbarkeit. Plötzlich bekam die Wand Sprossen, während die Leiter flach und beleidigt zu Boden fiel.

Sie kletterten hinauf.

13:12 Uhr und elf Sekunden.

Auf dem Dach peitschte Wind über den schwebenden Parkplatz. Unter ihnen lag die Stadt wie eine Spielzeuglandschaft. Ordnungshuber hatte die kleine Glocke aus dem Glas wieder in ihre ursprüngliche Größe wachsen lassen. Sie hing im Turm, reglos und stumm.

„Wenn sie läutet, kehren die verlorenen Möglichkeiten zurück“, sagte er. „Unordnung. Zweifel. Talente ohne Zweck. Das werde ich nicht zulassen.“

Gertrud wand sich unter seinem Arm.

Malwine trat vor. „Sie können die Akademie nicht retten, indem Sie alles abschaffen, was sie zur Akademie macht.“

„Ich rette sie vor dem Fehler.“

„Wir sind der Fehler“, sagte Jaro. „Das ist der Punkt.“

Ordnungshuber hob Gertrud über den Rand des Dachs. „Noch ein Schritt.“

Jaro schloss die Augen. „Sie wollen sie nicht fallen lassen.“

Kein Instrument erklang.

„Er sagt die Wahrheit“, flüsterte er.

Malwine sah die Bratpfanne, die Glocke und den Zeiger im Turm. 13:12 Uhr und dreißig Sekunden. Die gestreckte Minute wurde schneller.

Enna beugte sich zu Malwine. „Ich kann Eigenschaften tauschen. Aber ich muss beide Dinge berühren.“

„Welche Eigenschaft?“

Enna lächelte. „Seine Ordnung und dein Chaos.“

Malwine verstand nicht, was das bedeutete. Das war vermutlich ein gutes Zeichen.

Sie stürmte los. Ordnungshuber wich zurück. Enna packte mit einer Hand seinen Ärmel und mit der anderen Malwines Arm.

Für einen Augenblick wurde alles still.

Dann stand Malwines Haar kerzengerade. Ihre Schnürsenkel waren gleich lang. In ihrem Kopf sortierten sich sämtliche Gedanken alphabetisch.

Ordnungshuber dagegen nieste.

Es war kein gewöhnliches Niesen. Es war Malwines gesamtes unberechenbares Talent, gepresst in einen einzigen gewaltigen Ausbruch. Der Himmel flackerte. Sieben mögliche Zukünfte erschienen gleichzeitig über dem Dach. In einer war Ordnungshuber Hausmeister. In einer verkaufte er runde Aktenordner. In einer war er ein freundlicher, aber sehr nervöser Goldfisch.

Die Vorschrift konnte die Möglichkeiten nicht ertragen. Sein Körper zerfiel in flatternde Papierstreifen.

Gertrud fiel.

Jaro warf sich nach vorn und fing sie am Griff. Die Bratpfanne biss ihn aus Dankbarkeit in den Daumen.

13:12 Uhr und fünfundfünfzig Sekunden.

Malwine nahm Gertrud und schlug mit ihrem Boden gegen die Glocke.

Der erste Schlag ging durch die Mauern.

Beim zweiten wurden die Fenster wieder schief.

Beim dritten begann der Teppich im Direktorenzimmer eine lange Beleidigung.

Beim vierten schwebte der IKEA-Parkplatz drei Meter höher.

Beim fünften kehrten die gestohlenen Gaben aus den Flaschen zu ihren Besitzern zurück.

Beim sechsten tauchten die sieben fehlenden Stühle im Speisesaal auf.

Beim siebten erinnerte sich Frau Knorrig an Raum 0.

Beim achten wurde aus der quadratischen Banane wieder eine krumme.

Beim neunten landeten alle Papierstreifen Ordnungshubers im Archiv.

Beim zehnten grinste Herr Ziegel.

Beim elften grinste sogar Frau Schnatterfeld.

Beim zwölften holte die ganze Akademie Luft.

Und beim dreizehnten Schlag kehrte die verlorene Stunde zurück.

Es war wieder 11:07 Uhr.

Malwine, Jaro und Enna standen vor der Tür mit der Null. Ihre Kleidung war staubig, Jaros Daumen trug Zahnabdrücke und Ennas Schlüssel war verschwunden. Auf Malwines Stundenplan stand nun:

11:07 Uhr – Unterricht, der stattgefunden hat. Note: fast befriedigend.

Herr Ziegel erwartete sie im Speisesaal. „Für die Rettung der Akademie kann ich euch leider keine gute Note geben. Ihr habt mehrere Regeln verletzt, einen Prüfer beschädigt und dreizehnmal unangemeldet geläutet.“

„Was bekommen wir dann?“, fragte Malwine.

„Hausaufgabenfrei bis gestern.“

Gertrud schnurrte unter seinem Arm.

Am Abend schrieb Malwine in ihr Tagebuch:

Lektion 2: Manchmal ist eine Begabung genau deshalb richtig, weil sie zur falschen Zeit das Falsche tut.

Sie klappte das Buch zu. Auf ihrem Kopfkissen lag ein Umschlag, der nach Pfefferminz und Gewitter roch. Darin befand sich nur eine Mahnung:

BIBLIOTHEK DER AKADEMIE – RÜCKGABE ÜBERFÄLLIG SEIT MORGEN.

Darunter stand der Titel des fehlenden Buches:

Wie man eine Zukunft zurückgibt, die einem nicht gehört.

Malwine lächelte.

Offenbar war die nächste Woche gerettet.


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