Die Akademie der Fragwürdigbegabten – Kapitel 6: Die Prüfung, die niemand bestehen durfte – Titelbild

Kapitel 6 – Die Akademie der Fragwürdigbegabten

Die Prüfung, die niemand bestehen durfte

Ordnung nach Vorschrift

Am nächsten Morgen sah die Akademie aus wie eine Schule aus einem besonders langweiligen Prospekt. Die schiefen Fenster waren gerade. Die Wolken über dem Parkplatz hingen in ordentlichen Rechtecken. Sogar das Frühstück bestand aus gleich großen Brotscheiben, die nach nichts schmeckten.

„Das ist barbarisch“, sagte Jaro und biss in eine quadratische Banane.

In der Aula hatte Ordnungshuber einzelne Tische in millimetergenauen Reihen aufstellen lassen. Auf jedem lag ein Bleistift, ein Radiergummi und ein Formular mit der Überschrift:

NACHWEIS DER GESELLSCHAFTLICHEN VERWERTBARKEIT EINER UNGEWÖHNLICHEN EIGENSCHAFT

„Sie haben sechzig Minuten“, erklärte Ordnungshuber. „Zeigen Sie, dass Ihre Begabung planbar, wiederholbar und wirtschaftlich sinnvoll ist. Unnützer Zauber wird eingezogen.“

Neben ihm standen gläserne Flaschen. In einigen flackerten bereits kleine Lichter. Ein Junge aus der zweiten Klasse saß weinend auf seinem Stuhl. Er hatte bis gestern mit seinen Ohren Wind machen können. Nun hingen sie still an seinem Kopf.

Malwine setzte sich. Ihre erste Aufgabe lautete: Erzeugen Sie um exakt 8:17 Uhr eine überprüfbare Zukunftsvorhersage. Niesen ist nur nach vorheriger Anmeldung zulässig.

„Meine Allergie liest keine Formulare“, sagte sie.

„Dann ist sie nicht geeignet“, antwortete Ordnungshuber.

Jaro sollte eine amtlich beglaubigte Lüge erkennen. Enna sollte die Härte zweier Gegenstände tauschen, ohne dabei deren übrige Eigenschaften oder die Stimmung des Prüfers zu beeinflussen.

„Das geht nicht“, flüsterte Enna. „Meine Gabe macht nie nur das, was man von ihr will.“

„Genau deshalb sind wir hier“, sagte Malwine.

Sie erinnerte sich an Gertruds neuen Satz: Durchfallen erwünscht. Vielleicht war die Prüfung keine Hürde. Vielleicht war sie eine Falle für Ordnungshuber.

Malwine hob die Hand. „Darf man gemeinsam durchfallen?“

„Zusammenarbeit ist nicht vorgesehen.“

In Jaros Ohren krachte ein Kleiderschrank.

„Gut“, sagte Jaro laut. „Dann arbeiten wir eben nicht zusammen.“

Er behauptete, sein Bleistift sei ein Krokodil. Sofort erklang in seinem Kopf eine Mundharmonika. „Lüge erkannt“, sagte er und machte ein Häkchen.

Enna berührte den Bleistift und Malwines Radiergummi. Sie vertauschte nicht ihre Härte, sondern ihre Bedeutung. Der Bleistift löschte nun Wörter, der Radiergummi schrieb sie. Malwine schrieb damit auf ihr Formular: Diese Antwort ist falsch.

Jaros Gabe erklang. Weil der Satz falsch war, musste er richtig sein. Weil er richtig war, wurde er wieder falsch. Das Formular begann zu zittern.

„Sofort aufhören!“, rief Ordnungshuber.

Zu spät. Die Prüfung versuchte, Malwines Antwort zu bewerten. Erst gab sie null Punkte, dann hundert, dann „Kartoffel“. An den anderen Tischen begriffen die Schüler.

Das Mädchen, das mit Kronleuchtern sprach, überzeugte ihre Lampe, sich als Prüfer auszugeben. Der schwebende Junge setzte sich vorschriftsgemäß auf den Boden, ließ dafür aber den Boden schweben. Ein Schüler, der Dinge nur dienstags unsichtbar machen konnte, bewies mit einem Kalender, dass heute aus persönlichen Gründen Dienstag sei.

Die Formulare füllten sich mit Widersprüchen. Ordnungshubers grauer Anzug bekam Falten.

„Begabungen müssen Regeln folgen!“, schrie er.

„Unsere folgen Regeln“, sagte Malwine. „Nur nicht Ihren.“

Sie spürte endlich das Kribbeln in ihrer Nase. Ordnungshuber griff nach einer der leeren Flaschen. Darauf stand Malwines Name.

„Noch ein unkontrollierter Vorfall, und Ihre Gabe wird verwahrt.“

Malwine sah den Staub auf seiner Schulter. Sie sah Ennas besorgtes Gesicht, Jaro mit der Hand am Ohr und hinter der Aulatür Herr Ziegels Fliege. Dann nieste sie.

Die Zukunft schlug wie ein Blitz durch den Raum.

Malwine sah die Pausenglocke im Glas. Sie sah Frau Fluse, die den verbogenen Teelöffel in einen Eimer voller verlorener Minuten tauchte. Sie sah Gertrud auf dem Dach der Akademie. Und sie sah Ordnungshuber um 13:13 Uhr aus tausend Papierstreifen bestehen.

Als die Vision endete, war Malwines Flasche gesprungen.

Ordnungshuber wich zurück. Unter seiner Manschette quollen gedruckte Zeilen hervor.

Jaro zeigte auf ihn. „Er hat gesagt, er sei Schulaufsicht. Das war die größte Lüge im Raum.“

„Er ist die alte Vorschrift“, rief Enna. „Wenn wir beweisen, dass sie sich selbst nicht erfüllt, muss sie ungültig werden.“

Malwine nahm das Prüfungsformular. „Herr Ordnungshuber, ist Ihre Arbeit planbar?“

„Selbstverständlich.“

„Wiederholbar?“

„Immer.“

„Und nützlich?“

Er öffnete den Mund.

Nichts kam heraus.

Die Aula wartete. Selbst die rechteckigen Wolken draußen schienen zuzuhören.

Dann begann Jaros innerer Kleiderschrank zu fallen, noch bevor Ordnungshuber antwortete.

Die alte Vorschrift riss an der Schulter auf. Papierstreifen flatterten heraus.

„Die Prüfung ist beendet“, sagte Ordnungshuber mit brüchiger Stimme. „Alle sind durchgefallen.“

„Vorbildlich“, sagte Herr Ziegel von der Tür. „Dann haben alle bestanden.“

Im selben Moment zeigte die Uhr 13:12 Uhr.

Es blieb eine Minute, um die Glocke zu läuten.