In Reykjavík gab es eine Gasse, die selbst Taxifahrer nur fanden, wenn sie sich verfahren hatten. Dort hing über einer schmalen Tür ein Schild: „Einar Jónsson – Reparaturen für verlorene Zeit.“ Die meisten hielten das für einen Scherz. Liv nicht. Sie arbeitete seit zwölf Jahren in der Notaufnahme und hatte längst aufgehört, über Scherze zu lachen.
An einem Dienstagmorgen kam sie nach einer Nachtschicht an der Gasse vorbei. Hinter dem beschlagenen Fenster bewegten sich Uhren, obwohl keine von ihnen an der Wand hing. Sie schwebten unter der Decke wie schläfrige Vögel. Liv trat ein. Ein alter Mann mit weißem Bart saß an einer Werkbank und setzte einem winzigen Wecker ein goldenes Zahnrad ein.
„Meine Uhr ist nicht kaputt“, sagte Liv.
„Dann sind vermutlich Sie es“, antwortete Einar freundlich.
Liv wollte wieder gehen, doch auf dem Tisch stand eine Tasse Kaffee, genau so, wie sie ihn trank: schwarz, mit einer Spur Zimt. Einar erklärte, er könne keine vergangenen Jahre zurückholen und keine Zukunft verlängern. Aber zwischen drei und vier Uhr morgens gebe es eine unbenutzte Stunde. Die Menschen schliefen zu tief, um sie zu bemerken. Er bewahre einige davon in Taschenuhren auf.
„Was kostet eine Stunde?“
„Etwas, das Sie nicht mehr brauchen.“
Liv dachte an ihren alten Zorn. An den Patienten, den sie trotz aller Mühe verloren hatte, und an den Satz seiner Tochter: Sie hätten mehr tun müssen. Seitdem trug Liv diesen Satz wie einen Stein in der Brust. Sie legte die Hand auf eine silberne Taschenuhr. Als der Deckel aufsprang, fiel der Stein aus ihr heraus – unsichtbar, aber schwer genug, dass die Dielen knarrten.
Plötzlich stand Liv am Meer. Es war Sommer, obwohl Schnee auf den Dächern lag. Ihre verstorbene Mutter saß auf einem schwarzen Felsen, die Hosenbeine hochgekrempelt. Eine Stunde lang redeten sie über nichts Wichtiges: über angebrannten Reis, schlechte Fernsehserien und darüber, wie Liv als Kind behauptet hatte, Ärztinnen müssten niemals schlafen. Als die Taschenuhr klingelte, umarmte ihre Mutter sie und flüsterte: „Du musst nicht jeden retten, um gut zu sein.“
Liv erwachte in Einars Laden. Draußen war keine Minute vergangen. Die silberne Uhr war leer, ihr Zorn verschwunden.
Von da an kam Liv manchmal nach einer schweren Schicht in die Gasse. Sie kaufte keine weitere Stunde. Sie brachte Einar Kaffee und half ihm, die schwebenden Uhren abzustauben. Jahre später hing über der Tür ein zweites Schild: „Liv Arnadóttir – Erste Hilfe für müde Herzen.“ Und wer sich in Reykjavík gründlich genug verirrte, fand dort vielleicht keine zusätzliche Zeit, aber etwas ebenso Seltenes: einen Ort, an dem die vorhandene Zeit wieder genügte.

