Eine geheimnisvolle Laternenfrau und ein Junge auf der nächtlichen Karlsbrücke in Prag

Die Laternenfrau von Prag

Jeden Abend, kurz bevor die astronomische Uhr elf schlug, ging eine Frau in einem dunkelblauen Mantel über die Karlsbrücke. Sie trug eine lange Stange mit einem goldenen Haken und entzündete Laternen, die tagsüber niemand sehen konnte. Touristen fotografierten durch sie hindurch. Hunde blieben stehen und wedelten. Nur Kinder und Menschen, die jemanden vermissten, bemerkten ihr Licht.

Jakub gehörte zu beiden Gruppen. Er war zwölf und wohnte seit dem Tod seines Vaters bei seiner Tante. Sein Vater hatte ihm versprochen, mit ihm im Frühling ein Boot zu bauen. Nun lag das Holz unberührt im Keller, und Jakub ging jeden Abend zur Moldau, weil er dort weniger einsam war als in seinem Zimmer.

Als die Laternenfrau ihn zum dritten Mal sah, reichte sie ihm wortlos die Stange. „Die nächste gehört dir“, sagte sie.

Jakub hob den Haken zur unsichtbaren Laterne. Im Augenblick der Berührung flammte warmes Licht auf. Darin sah er keine Straße, sondern die Küche seiner alten Wohnung. Sein Vater stand am Herd und versuchte Pfannkuchen zu wenden. Einer klebte an der Decke. Jakub hörte sein eigenes Lachen, klarer als das Wasser unter der Brücke.

„Sind das Geister?“, fragte er.

„Nein“, sagte die Frau. „Erinnerungen sind keine Geister. Geister wollen bleiben. Erinnerungen wollen dir zeigen, wie du weitergehen kannst.“

Sie zündeten gemeinsam die übrigen Laternen an. In einer tanzte eine junge Frau mit ihrer Großmutter. In einer anderen strich ein alter Mann über den Kopf eines Hundes, den es seit zwanzig Jahren nicht mehr gab. Manche Menschen weinten, sobald das Licht sie berührte. Andere lächelten. Keiner bemerkte die Laternenfrau.

Am Ende der Brücke hing eine besonders kleine Lampe. Jakub sah darin den Keller und die Bretter für das Boot. Diesmal erschien sein Vater nicht. Stattdessen sah Jakub sich selbst, älter vielleicht, wie er das Holz maß, sägte und zusammensetzte. Neben ihm stand seine Tante und hielt zwei Bretter verkehrt herum.

„Das ist aber noch keine Erinnerung“, sagte Jakub.

„Jedes Licht braucht Platz für etwas, das erst geschehen soll.“

Am nächsten Morgen holte Jakub das Holz aus dem Keller. Das Boot wurde schief und bekam eine rote Tür, die zu nichts führte, weil seine Tante Baupläne langweilig fand. Im Mai setzten sie es in die Moldau. Es schwamm genau sieben Minuten, dann sank es würdevoll bis zur Hälfte. Jakub lachte so laut, dass Tauben aufflogen.

Viele Jahre später erzählte er seinem eigenen Sohn von der Laternenfrau. Der Junge glaubte ihm natürlich kein Wort. Doch als sie bei Nacht über die Karlsbrücke gingen, blieb er plötzlich stehen, zeigte auf ein warmes Licht und fragte: „Papa, warum hängt da ein Pfannkuchen an der Decke?“