Ein alter Rettungsturm leuchtet nachts über stürmischen Dünen an der Nordseeküste

Das Licht im verlassenen Rettungsturm

Der Rettungsturm am Weststrand war seit zwanzig Jahren verlassen. Seine Fenster waren vernagelt, die Treppe verrostet, und die Gemeinde wollte ihn im Herbst abreißen. Trotzdem sah Janna eines Nachts ein Licht hinter den Brettern. Es blinkte dreimal kurz, zweimal lang und wieder dreimal kurz. Ihr Großvater, ein früherer Seenotretter, hatte ihr beigebracht, Signale zu lesen. Dieses bedeutete nicht SOS. Es bedeutete: Versprechen offen.

Am nächsten Morgen fand Janna im Turm ein altes Logbuch. Auf der letzten Seite stand, dass während eines Sturms ein Fischer namens Ove Lührs vermisst worden war. Die Mannschaft hatte versprochen, seiner Tochter die geschnitzte Möwe aus seiner Kajüte zu bringen. Das Boot war geborgen worden, die Möwe jedoch nie. Im Dorf kannte niemand die Geschichte. Nur Frau Lührs lebte noch im Pflegeheim auf dem Festland.

In der folgenden Nacht blinkte das Licht erneut. Diesmal schien es nicht aufs Meer, sondern auf eine bestimmte Stelle zwischen den Dünen. Janna grub dort und stieß auf eine verrostete Metallkiste. Darin lagen Leinen, eine Signallampe und ein Schlüssel mit der Aufschrift Bootshaus 3. Das Bootshaus war längst verschlossen. Der Bürgermeister gab Janna widerwillig die Erlaubnis, es zu öffnen, bevor auch dieses Gebäude abgerissen wurde.

Zwischen morschen Rudern und alten Schwimmwesten stand Oves kleine Kajütentür. Dahinter klemmte, mit Salz überzogen, eine hölzerne Möwe. Unter einem Flügel hatte Ove die Worte Für Lene eingeritzt. Janna fuhr noch am selben Tag zum Pflegeheim. Frau Lührs nahm die Figur mit beiden Händen und erzählte zum ersten Mal seit Jahren von ihrem Vater, der jeden Vogel so schnitzte, als wolle er ihn gleich freilassen.

Als Janna zurückkehrte, blieb der Turm dunkel. Die Gemeindevertretung kam am nächsten Morgen zur Besichtigung. Janna hatte das Logbuch, die Signallampe und Frau Lührs’ schriftliche Bitte dabei. Der Abriss wurde vertagt. Später verwandelte man den Turm in einen kleinen Erinnerungsraum für die Seenotretter des Ortes.

Zur Eröffnung hing die geschnitzte Möwe für einen Tag im Fenster. Als die Gäste gegangen waren, blinkte die alte Lampe einmal auf. Janna prüfte die Leitungen. Es gab noch immer keinen Stromanschluss. Im Logbuch fand sie eine neue, feuchte Zeile: Ein Versprechen erfüllt. Andere warten.

Seitdem bewahrt Janna den Schlüssel zu dem Turm. In stürmischen Nächten schaut sie nach dem Licht. Es meldet sich selten, aber nie ohne Grund.