Auf keiner Seekarte war eine Sandbank Sieben verzeichnet. Trotzdem meldeten Fischer, sie manchmal nördlich der Insel gesehen zu haben. Sie tauchte bei Ebbe an unterschiedlichen Stellen auf und verschwand, bevor jemand sie vermessen konnte. Nele, die im Wattenmeer Seehunde zählte, hielt das zunächst für Seemannsgarn.
Dann entdeckte sie auf ihren Luftbildern eine Gruppe heller Punkte, stets umgeben von einem sichelförmigen Streifen. Es waren junge Seehunde. Die wandernde Sandbank schien sich so zu verlagern, dass die Tiere vor Booten und Strömung geschützt lagen. Nele erzählte nur ihrem Kollegen Arvid davon. Beide beschlossen, das Gebiet geheim zu halten.
Im September näherte sich ein außergewöhnlich früher Sturm. Zugleich meldete ein Ausflugsschiff einen Motorschaden. Es trieb genau auf den Bereich zu, in dem die Sandbank zuletzt gelegen hatte. Die Seenotrettung kannte die Untiefe nicht. Nele sprang mit Arvid in das kleine Forschungsboot und fuhr hinaus, bevor der Hafen geschlossen wurde.
Regen nahm ihnen die Sicht. Das Echolot zeigte wechselnde Tiefen, als bewege sich der Meeresboden. Plötzlich erschien vor ihnen ein heller Streifen. Auf der Sandbank lagen die Seehunde dicht beieinander. Dahinter trieb das Ausflugsschiff. Nele funkte dem Kapitän einen schmalen Korridor durch die Untiefen. Doch eine hohe Welle riss die Markierungsboje fort.
Da erhoben sich die erwachsenen Seehunde nacheinander und glitten ins Wasser. Wie eine lebendige Kette schwammen sie entlang des sicheren Weges. Das Schiff folgte langsam ihren dunklen Köpfen. Kurz bevor der Sturm mit voller Kraft einsetzte, erreichten alle den tieferen Fahrwasserkanal.
Am nächsten Tag suchte Nele die Sandbank. Sie war verschwunden. Auf dem Echolot blieb nur glatter Grund. Die geretteten Fahrgäste erzählten von Seehunden, die ihnen den Weg gezeigt hätten. Viele hielten es für eine schöne Übertreibung.
Nele änderte die offiziellen Karten nicht. Stattdessen setzte sie sich dafür ein, ein größeres Ruhegebiet auszuweisen. In ihrem privaten Forschungsbuch zeichnete sie eine kleine Sieben an den Rand und notierte: Lage unbekannt. Aufgabe erfüllt.
Seitdem taucht die Sandbank gelegentlich auf Satellitenbildern auf, nie länger als einen Tag. Wenn jemand Nele danach fragt, sagt sie, das Watt schreibe seine Karten selbst. Manche seiner Wege seien nicht für Menschen bestimmt, und manche erschienen nur, wenn das Meer Hilfe brauche.

