Auf Gleis neun lebte ein Spatz, den die Pendler Pünktchen nannten. Jeden Morgen setzte er sich auf die Anzeigetafel. Landete er links, kam der Zug pünktlich. Saß er rechts, gab es Verspätung. Flatterte er dreimal, fiel die Verbindung aus. Pünktchen lag zuverlässiger als die digitale Anzeige.
Die Menschen richteten ihren Alltag nach ihm. Sie holten Kaffee, wenn er rechts saß, oder wechselten rechtzeitig den Bahnsteig. Niemand wusste, wie der Vogel die Fahrpläne kannte. Vielleicht hörte er Signale, die Menschen nicht bemerkten.
Eines Morgens flog Pünktchen wild vor der Anzeige hin und her. Die Züge fuhren planmäßig. Der Bahnhofsvorsteher scheuchte ihn weg. Doch Pünktchen kehrte zurück, pickte gegen eine Verkleidung und rief so laut, dass die Pendlerin Amina genauer hinsah.
Hinter der Anzeigetafel befand sich ein Nest mit vier Jungen. Bauarbeiter sollten die alte Anzeige noch am selben Tag austauschen. Im Auftrag stand nichts von einem Nest. Amina stoppte die Arbeiten und rief eine Vogelstation. Der Bahnhofsvorsteher ärgerte sich über die Verzögerung, bis immer mehr Pendler erklärten, Pünktchen habe ihnen oft Zeit gespart. Nun schuldeten sie ihm eine.
Die Anzeige blieb hängen. Man sperrte den Bereich ab und montierte eine provisorische Tafel daneben. Drei Wochen lang fütterten die Eltern ihre Jungen zwischen Lautsprecherdurchsagen und einfahrenden Zügen. Hunderte Reisende beobachteten, wie die kleinen Spatzen Federn bekamen.
Am Tag ihres ersten Fluges verspätete sich der Zug um sieben Minuten. Niemand beschwerte sich. Die vier Jungvögel flatterten nacheinander auf das Bahnsteigdach. Pünktchen setzte sich danach links auf die Tafel. Der Zug kam tatsächlich sofort.
Die neue Anzeige erhielt an der Rückseite einen geschützten Nistkasten. Pünktchen zog im nächsten Frühjahr wieder ein. Seine Vorhersagen wurden nicht schlechter, obwohl nun manchmal eines seiner Kinder auf der falschen Seite saß und Verwirrung stiftete.
Der Bahnhofsvorsteher ließ ein kleines Schild anbringen: Angaben der Spatzen ohne Gewähr. Die Pendler vertrauten trotzdem auf sie. Sie hatten gelernt, dass Pünktchen nicht nur Züge ankündigte. Manchmal warnte er davor, dass bei aller Pünktlichkeit etwas Lebendiges übersehen wurde.

