Lilli lebte im Garten von Frau Arendt und fraß normalerweise alles, was grün war. Eines Morgens interessierte sie sich jedoch für einen roten Wollknäuel. Sie biss in den Faden, sprang durch eine Lücke im Zaun und zog ihn hinter sich her.
Der Faden führte zuerst zu Herrn Yilmaz, der allein an einem kaputten Radio saß. Lilli wickelte eine Schlaufe um seinen Stuhl und lief weiter. Dann besuchte sie Studentin Nele, die seit Tagen für eine Prüfung lernte und niemanden gesprochen hatte. Danach sprang sie in die Werkstatt von Frau Koslowski, deren Nähmaschine stillstand, weil ihr Fuß verletzt war.
Am Abend war die ganze Straße von einem roten Netz durchzogen. Menschen konnten ihre Türen kaum öffnen, Fahrräder blieben hängen, und der Paketbote drohte mit einer Beschwerde. Frau Arendt versuchte, Lilli einzufangen. Doch das Kaninchen war schneller und führte alle schließlich zum Gemeinschaftsraum, der seit Jahren ungenutzt war.
Dort lag das Ende des Fadens neben einer Kiste mit Stricknadeln. Frau Koslowski erkannte die Wolle. Sie stammte von einem früheren Nachbarschaftsprojekt, das eingeschlafen war. Herr Yilmaz konnte Radios reparieren, Nele brauchte gelegentlich eine Pause, Frau Koslowski wollte trotz ihres verletzten Fußes arbeiten, und Frau Arendt hatte längst vergessen, wie gern sie früher strickte.
Sie beschlossen, den Faden nicht einfach aufzuwickeln. Jeder löste den Abschnitt vor seiner Tür und brachte ihn in den Gemeinschaftsraum. Aus dem Knäuel entstand eine große rote Decke. Während sie daran arbeiteten, reparierte Herr Yilmaz das Radio, Nele las ihre Lernkarten vor, und andere Nachbarn kamen neugierig dazu.
Lilli saß mitten im Raum und kaute zufrieden an einer Karotte. Niemand konnte beweisen, dass sie einen Plan gehabt hatte. Vielleicht hatte sie nur Wolle interessant gefunden. Doch von da an traf sich die Straße jeden Mittwoch.
Die rote Decke wurde niemals ganz fertig. Immer wenn jemand neu einzog, kam ein Stück hinzu. Der Faden führte nicht mehr durch Türen, sondern von Hand zu Hand.
Lilli stahl gelegentlich noch ein Wollknäuel. Meist brachte sie es direkt in den Gemeinschaftsraum. Einmal zog sie einen blauen Faden bis zur Nachbarstraße. Frau Arendt seufzte und öffnete das Gartentor. Manche Verbindungen, dachte sie, hielten sich eben nicht an Grundstücksgrenzen.

