Otto war der einzige Otter, der regelmäßig an der Kanalschleuse erschien. Schleusenwärterin Mara erkannte ihn an einem hellen Fleck über der Nase. Während sie nachts die Tore kontrollierte, schwamm Otto nebenher und legte gelegentlich Muscheln auf die Treppe.
Nach einem starken Regen führte der Kanal Hochwasser. Kurz vor Mitternacht entdeckte Mara eine große Holzkiste in der Strömung. Sie trieb auf das geschlossene Schleusentor zu. Otto tauchte daneben auf und versuchte, die Kiste mit den Pfoten abzulenken.
Mara konnte das Tor nicht einfach öffnen. Dahinter lag das Wasser tiefer; die Kiste würde zerschellen. Sie warf ein Seil, doch es rutschte ab. Otto tauchte unter der Kiste hindurch und schob das Seil mit der Schnauze durch einen Metallgriff. Gemeinsam zogen sie die Kiste in eine ruhige Bucht.
Im Inneren lagen Bücher, jedes einzeln in Wachstuch verpackt. Ein Schild erklärte, sie gehörten zur schwimmenden Bibliothek eines flussaufwärts gelegenen Dorfes. Das kleine Bücherboot hatte sich im Hochwasser losgerissen. Zwischen den Bänden saß außerdem eine völlig durchnässte Katze, die Mara sofort ins Wärterhaus brachte. Otto blieb vor der Tür und wirkte beleidigt.
Am Morgen meldete sich die Dorflehrerin. Die Bibliothek war ein altes Fischerboot gewesen, das Kinder selbst ausgebaut hatten. Viele Bücher waren Spenden mit persönlichen Widmungen. Mara versprach, alles zurückzubringen. Doch die Straße war überflutet.
Also baute sie aus Wartungsplanken ein Floß. Otto schwamm voraus und fand eine sichere Strömung. Hinter ihnen folgte die gerettete Bücherkiste, fest verzurrt. Als sie das Dorf erreichten, warteten Kinder am Ufer. Die Katze sprang aus Maras Jacke und lief direkt zu einem Jungen.
Aus Dankbarkeit bekam Otto ein wasserfestes Bilderbuch über Fische. Natürlich konnte er nicht lesen. Er benutzte es als schwimmendes Brett und trug es tagelang auf dem Bauch. Die Kinder fanden das angemessen.
Die neue schwimmende Bibliothek erhielt bessere Leinen und einen Otter als Wappen. Mara kontrolliert sie seitdem bei jedem Hochwasser. Otto begleitet ihre Nachtwache weiterhin. Meist bringt er Muscheln. Einmal legte er ein völlig trockenes Lesezeichen auf die Treppe. Mara fragte nicht, woher es kam. In einem Kanal voller Geschichten war selbst ein Otterfund möglicherweise ausgeliehene Post.

