Eine alte Schildkröte trägt eine Taschenuhr durch ein Fundbüro voller Regale und Schirme

Die Schildkröte im Fundbüro

Jeden Morgen um neun erschien eine Schildkröte im Fundbüro. Sie trug einen Gegenstand auf ihrem Panzer: einen Schlüssel, einen Ohrring, manchmal nur einen Knopf. Niko, der dort arbeitete, nannte sie Thea und legte für ihre Funde ein eigenes Fach an.

Niemand wusste, woher Thea kam. Ihre Dinge fanden erstaunlich schnell zu den Besitzern zurück. Der Schlüssel gehörte einer Lehrerin, der Ohrring einer Busfahrerin, und selbst der unscheinbare Knopf wurde von einem Mann erkannt, der ihn seit seiner Hochzeit vermisst hatte.

Eines Tages brachte Thea eine schwere Taschenuhr. Sie ging rückwärts. Auf dem Deckel stand: Für später. Niko stellte sie ins Regal. Sofort verlangsamte sich das Fundbüro. Staub schwebte in der Luft, Regentropfen blieben am Fenster hängen, und Besucher sprachen gedehnt.

Nur Thea bewegte sich in ihrem üblichen Tempo. Sie führte Niko zu einem alten Fotoautomaten im Bahnhof. Dort saß Frau Marr, die frühere Besitzerin der Uhr. Sie hatte ihr Leben lang Dinge auf später verschoben: eine Reise, ein Versöhnungsgespräch, einen Besuch bei ihrer Kindheitsfreundin. Nun wartete sie auf einen Zug, ohne einzusteigen.

Als Niko ihr die Uhr gab, öffnete sie sich. Statt Zeigern erschienen kleine Bilder versäumter Augenblicke. Frau Marr erschrak. „Kann ich sie zurückdrehen?“

Thea stupste ihre Schuhspitze an. Niko verstand: Die Uhr lief bereits rückwärts, aber sie brachte nichts zurück. Sie zählte nur die Zeit, in der Frau Marr noch etwas beginnen konnte. Der nächste Zug fuhr zu der Stadt, in der ihre Freundin lebte.

Frau Marr stieg ein. In demselben Moment lief die Zeit im Fundbüro wieder normal. Wochen später kam ein Paket mit zwei Ansichtskarten und einem Salatblatt für Thea. Frau Marr war tatsächlich gereist. Nicht alles lasse sich nachholen, schrieb sie, aber „später“ sei ein schlechter Aufbewahrungsort.

Thea nahm das Salatblatt und verschwand. Am nächsten Morgen brachte sie einen einzelnen roten Kinderschuh. Niko fragte nicht mehr, wie die Schildkröte ihre Funde machte. Er öffnete das Fach und begann mit der Suche.

Die Taschenuhr blieb bei Frau Marr. Manchmal hörte Niko sie im Fundbüro leise ticken, obwohl sie weit entfernt war. Dann erledigte er noch am selben Tag einen Anruf, den er sonst auf später verschoben hätte.