Die Schnabelpfoten – Folge 20: Die Karte der verlorenen Pfade – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 20: Die Karte der verlorenen Pfade

Der neue Tag versprach klar und hell zu werden, doch in den Köpfen der Schnabelpfoten lag ein leiser Dunst aus Fragen, Vermutungen und einer wachsenden Neugier. Emil, der junge Maulwurf, hatte sich dem kleinen Trupp mit einer Natürlichkeit angeschlossen, als gehöre er schon immer dazu. Seine Tasche war vollgestopft mit Zetteln, ein gerolltes Stück Pergament war mit Schnüren an seinen Rücken gebunden, und seine Brille saß ständig schief.

„Also…“, begann Emil, während sie sich auf einer kleinen Lichtung sammelten, „meine Schwester Rosa hat mir vor Jahren eine Karte geschickt. Ganz klein, fast schon ein Rätsel. Sie meinte, ich solle ihr folgen, aber nicht zu früh. Ich war damals noch nicht bereit, sagte sie.“

„Und jetzt?“, fragte Korax vorsichtig.

„Jetzt… leuchten die Steine“, flüsterte Emil, und kramte die Karte hervor.

Er rollte sie aus – vorsichtig, ehrfürchtig. Es war eine bizarre Karte. Keine Straßen, keine Orte. Nur Linien. Spiralen. Kleine Symbole. Ein Auge. Ein Tropfen. Ein Kreis mit einer Lücke. Und mitten darauf: ein stilisierter Stein, der dem aus dem Brunnen erschreckend ähnelte.

Trixie beugte sich näher. „Das ist keine Wegbeschreibung. Das ist ein Gedächtnis.“ „Ein was?“ fragte Basil, der inzwischen eine halbe Schnecke aus seinem Rucksack befreit hatte, weil sie sich in einem Brötchen versteckt hatte.

„Ein Gedächtnis“, wiederholte Trixie. „Eine Karte, die nicht den Ort zeigt, sondern den Gedanken. Den Zusammenhang.“

„Klingt… verwirrend“, sagte Saphira und kratzte sich am Kopf. „Aber irgendwie auch aufregend.“

Lotte nickte. „Wir müssen weiter. Vielleicht führt sie uns dahin, wo Rosa verschwunden ist.“

Ein Pfad im Nebel

Der Weg, den sie einschlugen, führte sie in ein Gebiet, das nicht mehr Teil des Dorfes war. Verwilderte Bäume, schiefer Moosbewuchs und Nebelschwaden, die aus dem Boden stiegen, machten die Umgebung fremd.

„Wir sind nah“, sagte Emil plötzlich. Er hatte stehenbleiben müssen, weil Basil sich an einem Spinnennetz festgequatscht hatte.

„Woher weißt du das?“ fragte Korax.

„Weil ich es träume. Jede Nacht. Immer dieselben drei Symbole. Der Kreis. Der Tropfen. Und dann: Nichts.“

Dann standen sie vor einem Tor – einem gewaltigen, halb umgestürzten Steinbogen, überwuchert von Efeu. In den Bogen war mit Moos ein Symbol eingeritzt worden: Der offene Kreis.

„Rosa war hier“, sagte Emil. „Ganz sicher.“ Das alte Archiv

Hinter dem Tor lag kein Ort, sondern… Stille. Keine Vögel. Kein Wind. Nur die eigenen Schritte. Dann eine Treppe – hinunter, in den Boden.

Sie stiegen vorsichtig ab. Die Treppe war brüchig, aber stabil genug. Und dann standen sie in einer unterirdischen Halle. Kein richtiges Gebäude. Eher ein Archiv aus Stein und Wurzeln. Regale, Tische, riesige Pergamente an den Wänden. Und in der Mitte: ein Pult. Offen. Mit einer Karte. Rosa Lichtnuss’ Handschrift war noch lesbar.

Korax trat näher. Seine Stimme wurde ehrfürchtig. „Das ist nicht nur irgendeine Karte… das ist die Karte der verlorenen Pfade. Sie verbindet Dinge, die sonst niemand sieht.“

„Sie war also hier“, sagte Emil, und seine Stimme bebte.

Trixie las die letzten Zeilen am Rand der Karte laut vor:

„Wenn jemand das hier liest, dann weiß ich: Ich bin nicht verloren. Ich bin nur vorausgegangen. Folgt dem Kreis. Aber folgt ihm nicht blind.“

Ein Ruf aus der Tiefe

Plötzlich bebte der Boden. Ganz leicht. Ein leises Brummen lag in der Luft. Der violette Stein in Lottes Tasche begann zu pulsieren. Dann hörten sie es: eine Stimme. Flüsternd. Nicht von draußen. Sondern von innen.

„Die Zeit ist nah.“

Alle sahen sich an.

Saphira flüsterte: „Das war nicht… Rosa, oder?“

Emil schüttelte stumm den Kopf.

„Dann ist sie nicht allein hier unten“, sagte Lotte. Ihre Stimme war ruhig. Entschlossen.