Eine Forscherin steht in einer Station auf dem eisigen Jupitermond Europa, draußen leuchtet Jupiter

Post für den letzten Menschen auf Europa

Imani war der letzte Mensch auf Forschungsstation Thales. Ein technischer Fehler hatte die übrige Besatzung zur Rückkehr gezwungen. Sie blieb, um die Untereis-Sonden zu sichern, bis in sechs Wochen ein Schiff kam. Der Jupitermond Europa war weiß, still und groß genug, Einsamkeit wie eine Landschaft wirken zu lassen.

Am zwölften Tag meldete der Kommunikationsdrucker neue Post. Der erste Brief war an „die erste Klasse der Europaschule“ gerichtet. Eine Familie schrieb über das Leben auf der Erde und fragte, ob Kinder unter dem Eis schwimmen lernen könnten. Es gab keine Schule, keine Familien und keine geplante Kolonie.

Weitere Briefe kamen: an eine Bäckerin, einen Gärtner, eine Chorleiterin. Sie waren Jahrzehnte unterwegs gewesen und an Menschen adressiert, die nur in Zukunftsplänen existierten. Offenbar hatte ein früheres Öffentlichkeitsprojekt Hoffnungsbriefe gesammelt und automatisch versandt.

Imani wollte sie archivieren. Dann begann sie zu antworten. Der künftigen Klasse beschrieb sie das Knacken des Eises und erklärte, dass Schwimmen im unterirdischen Ozean vorerst eine schlechte Idee sei. Der Bäckerin berichtete sie, welche Hefekultur die Station besaß. Dem Chor schrieb sie über das Echo in den Wartungstunneln.

Die Antworten konnten ihre Empfänger noch nicht erreichen. Trotzdem veränderte das Schreiben Imanis Tage. Die Station war nicht nur ein Außenposten, der geschlossen werden konnte. Sie wurde ein möglicher Anfang, für den jemand Fragen gestellt hatte.

Bei einer Sondenreparatur entdeckte Imani unter dem Eis ein regelmäßiges Geräusch. Kein Beweis für Leben, nur eine unbekannte Strömung. Früher hätte sie nüchterne Messdaten notiert. Nun fügte sie hinzu: Klingt wie eine Tür, die sehr langsam klopft.

Das Rettungsschiff kam pünktlich. Imani verließ Europa nicht als letzter Mensch, sondern als vorläufig letzte Bewohnerin. Sie nahm Kopien der Briefe mit und sorgte dafür, dass das Programm nicht gelöscht wurde.

Jahre später kehrte eine größere Forschungsgruppe zurück. Unter ihnen war eine Lehrerin, die eine kleine Lernstation für die Kinder der Besatzung einrichtete. An der Tür hing Imanis Brief an die erste Klasse.

Die Kinder schrieben neue Post – nicht nur an die Erde, sondern an Menschen, die vielleicht eines Tages weiter draußen leben würden. Einer fragte, ob auf einem noch ferneren Mond jemand dieselbe Stille höre. Die Antwort war unbekannt. Aber die Leitung blieb offen.