Im Museum der irdischen Geräusche konnte man Donner hören, obwohl die Kuppelstadt kein Wetter kannte. Es gab Räume für Wälder, Bahnhöfe, Meere und Küchen. Kuratorin Lio katalogisierte jeden Ton nach Ort, Jahr und Quelle.
Besonders beliebt war der Saal der verlorenen Geräusche: das Knattern alter Motoren, das Summen ausgestorbener Insektenarten, das Klacken mechanischer Schreibmaschinen. Besucher trugen Kopfhörer und sprachen danach ehrfürchtig leise.
Eines Tages kam das Kind Sami mit einer Aufnahme. Darauf hörte man ein unregelmäßiges Schaben, ein Kichern und drei dumpfe Schläge. Die Datenbank fand keine Übereinstimmung. Sami erklärte, es sei das Geräusch seiner Familie beim Umstellen eines Tisches. Der kleine Bruder habe darunter gesessen und gelacht.
Lio wollte die Aufnahme ablehnen. Sie war technisch schlecht und historisch unbedeutend. Dann bemerkte sie, dass das Museum fast nur typische, saubere Klänge sammelte. Es bewahrte „Regen“, aber nicht den Regen auf dem undichten Dach einer bestimmten Wohnung. Es bewahrte „Stadtverkehr“, aber nicht den quietschenden Wagen einer Händlerin, die jeden Morgen dieselbe Straße entlangfuhr.
Sie eröffnete ein Archiv gewöhnlicher Geräusche. Menschen brachten Türen, Stimmen, Werkzeuge und Mahlzeiten. Manche Aufnahmen waren laut, andere fast leer. Zu jedem Ton gehörte eine kurze Geschichte.
Das Museum wurde unübersichtlicher und lebendiger. Wissenschaftler konnten weiterhin auf sorgfältig dokumentierte Bestände zugreifen. Daneben entstand ein Klanggarten, in dem persönliche Aufnahmen miteinander in Beziehung traten. Samis Tischschaben lag neben dem Rücken eines alten Stuhls und dem Lachen aus einer früheren Zeit.
Jahre später fiel in der Kuppelstadt für eine Stunde der Strom aus. Alle Anlagen verstummten. Lio nahm die Stille auf. Darin waren Atemzüge, Schritte und das nervöse Tippen von Fingern zu hören. Sie katalogisierte die Datei nicht als „Stromausfall“, sondern als „Menschen warten gemeinsam“.
Das Museum sammelte weiter Geräusche der alten Erde. Es verstand sich jedoch nicht mehr als Grabkammer verschwundener Klänge. Jeder Tag erzeugte neue, ebenso vergängliche Töne.
Am Eingang steht nun eine Aufnahmestation. Besucher können zehn Sekunden ihres Lebens hinterlassen. Viele versuchen, etwas Besonderes zu produzieren. Die wertvollsten Dateien entstehen oft davor oder danach: ein Stühlerücken, ein unbeabsichtigtes Lachen, ein Tisch, der gemeinsam an einen neuen Platz getragen wird.

