Eine futuristische Siedlung unter zwei Sonnen, ein Mädchen betrachtet verschiedenfarbige Schatten

Zwei Sonnen über Neu-Bremen

Auf Neu-Bremen gingen nie beide Sonnen gleichzeitig unter. Die gelbe Sonne sank am Abend, während die rote bereits über dem anderen Horizont erschien. Es blieb hell. Die ersten Siedler hatten sich darüber gefreut. Später litten Menschen, Pflanzen und Tiere unter fehlender Nacht.

Die Stadt regelte Schlaf mit verdunkelten Häusern und zentralen Uhren. Runa hasste diese künstlichen Zeiten. Ihr Körper war müde, wenn der Stundenplan Wachheit verlangte, und wach, wenn die Fenster schwarz wurden.

Sie beobachtete die Schatten. Bei gelbem Licht waren sie blau, bei rotem fast schwarz. Zweimal in einem Zyklus überlagerten sie sich für wenige Minuten. Dann wurde die Landschaft sanfter. Runa baute eine Uhr mit zwei Stäben, die nicht Stunden, sondern Schattenwinkel maß.

Ihre Messungen zeigten, dass Pflanzen, Tiere und Menschen unterschiedliche Ruhefenster brauchten. Die Landwirtschaft folgte bislang nur der zentralen Uhr. Bestäuber erschienen jedoch zu anderen Zeiten, und einige Pflanzen schlossen sich bei bestimmten Schattenwinkeln.

Runa stellte ihre Ergebnisse in der Schule vor. Erwachsene nannten die Schattenuhr unpraktisch. Eine Uhr müsse überall dasselbe anzeigen. Doch eine Ärztin unterstützte sie. Gemeinsam sammelten sie Daten zu Schlaf und Gesundheit.

Neu-Bremen führte flexible Ruhephasen ein. Straßenbeleuchtung wurde abgeschaltet, wenn beide Schatten lang waren. Öffentliche Räume bekamen farbige Dächer, die für einige Stunden echte Dunkelheit erzeugten. Schulen und Betriebe boten mehrere Zeitfenster an.

Nicht alles wurde einfacher. Termine mussten genauer vereinbart werden, und Besucher verwechselten „dritter langer Schatten“ mit „rotes Kurzlicht“. Die Menschen lernten jedoch, dass eine gemeinsame Uhr nicht jede biologische Zeit beherrschen durfte.

Runa verbesserte ihre Erfindung. Die neue Uhr zeigte neben den Schatten auch persönliche Rhythmen an. Sie wurde nie zum alleinigen Standard. Das war Absicht.

Viele Jahre später erlebte Neu-Bremen eine seltene doppelte Sonnenfinsternis. Zum ersten Mal wurde es überall gleichzeitig dunkel. Menschen standen schweigend auf den Straßen. Einige fürchteten sich, andere weinten. Runa sah nach oben und dachte, dass Nacht nicht nur fehlendes Licht war, sondern Raum für andere Takte.

Als die Sonnen zurückkehrten, warf sie wieder zwei Schatten. Ihre Uhr begann neu zu messen. Neu-Bremen blieb ein heller Ort. Aber es hatte gelernt, Dunkelheit nicht als Defekt zu behandeln, sondern sie sorgsam selbst zu schaffen.