Ein schwarzer Rabe sitzt auf einem Dachfirst und blickt in einen funkelnden Sternenhimmel

Rabe Konrad zählt die Sterne

Konrad war ein Rabe mit einer ungewöhnlichen Gewohnheit. Während seine Artgenossen glänzende Dinge sammelten, sammelte er Zahlen. Jeden Abend saß er auf dem Kirchturm und zählte die sichtbaren Sterne. Im Winter waren es mehr, im Sommer weniger. Doch eines Nachts fehlte genau einer an einer Stelle, die Konrad zuverlässig kannte.

Er flog zum Dach der Sternwarte und krächzte so lange, bis die Astronomin Mila nach draußen kam. Sie fand keine Lücke am Himmel. Laut Computer waren alle Sterne an ihrem Platz. Konrad ließ sich nicht überzeugen. Er pickte gegen die Fensterscheibe, stahl Milas Taschenlampe und flog zur Innenstadt.

Dort war die Nacht in den letzten Wochen heller geworden. Eine neue Werbetafel strahlte vom Kaufhausdach. Ihr Licht überdeckte den schwachen Stern, den Konrad vermisste. Für Menschen war er kaum von Bedeutung. Für Konrads Zählung war er unersetzlich.

Mila beantragte, die Tafel nachts abzuschalten. Der Betreiber lehnte ab. Werbung müsse sichtbar sein. Also organisierte Mila eine öffentliche Sternenzählung. Konrad half, indem er überall glänzende Knöpfe stahl und sie als Spur bis zur Sternwarte auslegte. Hunderte Menschen kamen, manche nur, um ihre Knöpfe zurückzubekommen.

Sie entdeckten, dass über dem Stadtzentrum nur wenige Sterne zu sehen waren. Kinder malten Karten der dunkleren Plätze. Anwohner berichteten von schlechtem Schlaf, und Naturschützer erklärten, wie Licht Tiere störte. Die Diskussion wurde größer, als der Kaufhausbetreiber erwartet hatte.

Schließlich durfte die Tafel bis 22 Uhr leuchten. Danach wurde sie dunkel. Auch andere Gebäude richteten ihre Lampen nach unten. In der ersten klaren Nacht saß Konrad wieder auf dem Turm. Der fehlende Stern erschien, schwach, aber eindeutig. Konrad krächzte einmal und begann seine Zählung von vorn.

Mila stellte auf dem Dach eine Tafel auf, diesmal unbeleuchtet. Darauf stand: Der Himmel ist kein leerer Platz über unseren Schildern. Jeden Freitag lud sie zur Sternenstunde ein. Konrad wurde zum inoffiziellen Leiter. Wer redete, während er zählte, bekam manchmal einen Knopf gestohlen.

Viele Jahre später fehlte erneut ein Stern. Diesmal lag es an einer Wolke. Konrad wusste das vermutlich. Trotzdem sorgte er mit großem Theater dafür, dass alle warteten, bis die Wolke weitergezogen war. Einige Dinge, hatte er gelernt, bleiben nur sichtbar, wenn jemand darauf besteht, sie nicht zu übersehen.