Die Buchhandlung erschien um 23:59 Uhr und verschwand mit dem letzten Glockenschlag. Clara entdeckte sie, als sie nach einer Spätschicht durch eine Abkürzung ging. Zwischen einer Apotheke und einem geschlossenen Kino leuchtete plötzlich ein Fenster. Über der Tür hing eine Uhr mit nur einem Zeiger.
Drinnen roch es nach Papier und Gewitter. Der Buchhändler trug einen Anzug, dessen Muster sich bewegte wie Sand in einer Sanduhr. „Sie haben eine Minute“, sagte er.
„Zum Aussuchen?“
„Zum Lesen.“
Er reichte Clara ein dünnes Buch. Auf dem Umschlag stand ihr Name. Die erste Seite erzählte von ihrem wirklichen Morgen. Die zweite beschrieb einen Tag, an dem sie vor zehn Jahren ein anderes Stellenangebot angenommen hatte. In diesem Leben lebte sie in Stockholm, hatte zwei Kinder und konnte Schwedisch fluchen. Clara blätterte weiter. Jede Seite enthielt ein ungelebtes Leben.
„Kann ich es kaufen?“
„Natürlich. Der Preis ist die Erinnerung an Ihr tatsächliches Leben.“
Clara hielt das für einen schlechten Scherz, bis sie andere Kunden bemerkte. Eine junge Frau bezahlte mit dem Andenken an ihre Hochzeit und verließ den Laden überzeugt, niemals verheiratet gewesen zu sein. Ein alter Mann kaufte die Karriere eines Pianisten und vergaß dafür seine Enkelin.
Clara dachte an ihre kleine Wohnung, an die Arbeit, über die sie oft klagte, und an ihren Bruder, der jeden Sonntag anrief. Es war kein aufregendes Leben. Aber es war ihres.
„Haben Sie auch Bücher über die Zukunft?“, fragte sie.
Der Buchhändler lächelte. „Nur leere.“
Er zeigte auf ein Regal mit unbeschriebenen Bänden. Clara nahm eines heraus. Es kostete nichts, verlangte jedoch, dass jeden Tag mindestens ein Satz hineingeschrieben wurde. Wer zu lange wartete, dessen Buch füllte sich von selbst mit Wiederholungen.
Die Uhr schlug zwölf. Clara stand auf der Straße, das leere Buch unter dem Arm. Die Buchhandlung war verschwunden.
Am nächsten Abend schrieb sie: „Heute habe ich meinen Bruder nicht weggedrückt.“ Am folgenden: „Ich habe mich für einen Zeichenkurs angemeldet.“ Später kamen Reisen, Fehler, langweilige Montage und ein Kuss im Regen hinzu. Manche Seiten blieben fast leer. Andere reichten kaum aus.
Jahre danach führte Claras Weg sie erneut um 23:59 Uhr in die Gasse. Die Buchhandlung erschien. Der Buchhändler betrachtete ihr inzwischen dickes Buch. „Möchten Sie es gegen ein anderes Leben eintauschen?“
Clara blätterte durch ihre Seiten. „Nein. Aber ich brauche bald einen zweiten Band.“
Zum ersten Mal sah der Buchhändler überrascht aus. Dann schenkte er ihr ein neues, leeres Buch. Als Clara ging, blieb die Tür eine Sekunde länger geöffnet als sonst. Vielleicht, dachte sie, hatte selbst die Zeit gern erfahren, wie ihre Geschichte weiterging.

