Der Bahnhof von Morgenrot erschien nur in der Stunde vor Sonnenaufgang. Hanne entdeckte ihn, als sie nach einer schlaflosen Nacht ziellos durch die Felder ging. Zwischen zwei Pappeln lag plötzlich ein Bahnsteig. Auf dem Schild stand kein Ortsname, sondern: Zu den Tagen, die anders hätten werden können.
Am Schalter saß eine Frau mit silbernem Haar. „Einfache Fahrt oder Rückkehr vor Sonnenaufgang?“, fragte sie. Hanne dachte an den Tag vor fünfzehn Jahren, an dem sie ein Stipendium in Florenz abgelehnt hatte. Ihre Mutter war krank gewesen, ihr Vater überfordert, und Hanne war geblieben. Später hatte sie sich oft gefragt, wer sie in Italien geworden wäre.
Sie kaufte eine Rückfahrkarte. Der Zug bestand aus einem einzigen grünen Wagen. Hinter dem Fenster begann ein warmer Nachmittag. Hanne stieg aus und stand mitten in Florenz, jung und mutig, mit Farbflecken an den Händen. In einem Atelier hingen ihre Bilder. Freunde riefen ihren Namen, und ein Mann küsste sie, den sie nie kennengelernt hatte. Alles fühlte sich echt an, sogar die Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag.
Doch die andere Hanne trug ebenfalls Fragen mit sich. Auf ihrem Schreibtisch lag ein ungeöffneter Brief aus der Heimat. In einer Schublade fand Hanne Fotos ihrer Eltern, auf denen Jahre fehlten. Das ungelebte Leben war schön, aber nicht frei von Verlust. Als die Kirchturmuhr fünf schlug, begann die Rückfahrkarte in ihrer Tasche warm zu werden.
Hanne ging nicht sofort zum Bahnhof. Sie malte eine kleine Skizze: zwei Pappeln, ein grüner Zug und eine Frau, die zwischen Möglichkeiten stand. Dann legte sie das Blatt auf den Tisch der anderen Hanne. Vielleicht, dachte sie, würden ungelebte Leben manchmal voneinander träumen.
Kurz vor Sonnenaufgang sprang sie in den Zug. Zu Hause war nur eine Minute vergangen. Ihr Mann schlief, im Nebenzimmer schnarchte der Hund, und auf dem Küchentisch lag die Einladung zum Malkurs, die Hanne seit Wochen ignoriert hatte. Sie meldete sich noch am selben Morgen an.
Ihre ersten Bilder waren unbeholfen. Später wurden sie freier. Eines zeigte einen Bahnhof im Morgenlicht und wurde in einem kleinen Café ausgestellt. Unter dem Bild stand: Kein Leben enthält alle Wege. Aber manchmal passt ein neuer Weg noch hinein.
An manchen schlaflosen Morgen geht Hanne wieder zu den Pappeln. Der Bahnhof ist nie zurückgekehrt. Doch einmal fand sie im Gras eine entwertete Fahrkarte, auf deren Rückseite eine frische Farbspur leuchtete.

