Ein alter Linienbus hält bei Sonnenuntergang an einer einsamen Küstenstraße vor dem Meer

Der letzte Halt vor dem Meer

Der Bus 73 fuhr nur einmal am Tag bis zur Endhaltestelle „Vor dem Meer“. Warum sie nicht „Am Meer“ hieß, wusste niemand. Anselm nahm die Strecke an seinem ersten Tag als Pensionär. Vierzig Jahre hatte er Deutsch unterrichtet, Stundenpläne geschrieben und Aufsätze verbessert. Nun lag vor ihm ein Kalender, in dem erschreckend wenig eingetragen war.

Auf dem hintersten Sitz saß ein Mädchen mit einem roten Koffer. Sie mochte zwölf sein und antwortete auf keine Frage. Der Fahrer kannte sie offenbar nicht, ließ sie aber mitfahren. Je näher der Bus der Küste kam, desto leerer wurde er. Schließlich blieben nur Anselm und das Mädchen zurück.

„Letzter Halt vor dem Meer“, rief der Fahrer. Vor ihnen lag eine Düne. Vom Wasser war nichts zu sehen. Das Mädchen zog den schweren Koffer aus dem Bus. Anselm half ihr, obwohl sie nicht darum bat. Hinter der Düne führte ein Holzsteg zu einem Strand, an dem Hunderte kleine Papierboote lagen. Manche waren mit Wünschen beschrieben, andere mit Abschieden.

Das Mädchen öffnete den Koffer. Darin befanden sich Schulhefte. Auf jeder ersten Seite stand derselbe Name: Mina. Die übrigen Seiten waren leer. Endlich sprach sie. Ihre Mutter habe immer Geschichten erfunden. Seit deren Tod könne Mina keine mehr hören, ohne dass alles weh tue. Sie wolle die leeren Hefte ins Meer werfen.

Anselm setzte sich in den Sand. „Leere Seiten sind nicht gegen dich“, sagte er. „Sie warten nur.“ Mina verdrehte die Augen. Genau das hätte er früher einem Schüler gesagt. Also versuchte er es anders. Er nahm ein Papierboot und schrieb: Ein alter Lehrer fuhr bis vor das Meer, weil er nicht wusste, was danach kam.

Mina las den Satz. Darunter ergänzte sie: Dort traf er ein Mädchen, das keine Geschichten mehr mochte. Gemeinsam falteten sie das Blatt neu und setzten das Boot ins Wasser. Es kenterte sofort. Beide lachten, erst vorsichtig, dann laut.

Sie verbrachten den Nachmittag damit, misslungene Anfänge auf Boote zu schreiben. Als der Bus zurückfuhr, nahm Mina den Koffer wieder mit. Sie wohnte bei ihrer Tante im Nachbarort. Anselm gab ihr seine Adresse, falls eine Geschichte einmal einen Leser brauche.

In den folgenden Wochen kamen rote Umschläge. Darin lagen Seiten über sprechende Möwen, eine Kapitänin ohne Schiff und einen Bus, der nur zu unfertigen Orten fuhr. Anselm korrigierte nichts. Er schrieb lediglich an den Rand, was ihn neugierig machte.

Jeden Dienstag fuhr er nun bis zum letzten Halt vor dem Meer. Manchmal kam Mina mit, manchmal nicht. Hinter der Düne begann kein fertiger Plan. Aber Anselm hatte gelernt, dass ein letzter Halt sehr gut der erste Satz von etwas Neuem sein konnte.