Hinter einem schmalen Nebelband liegt eine grüne Insel mit weißen Häusern und einem kleinen Hafen

Die Insel hinter dem Nebelband

Sina sah die Insel zum ersten Mal vom Deck der Postfähre. Hinter einem schmalen Nebelband lagen grüne Hügel, weiße Häuser und ein winziger Hafen. Der Kapitän behauptete, dort sei nur offenes Wasser. Auf der Rückfahrt sah Sina die Insel wieder. Diesmal stand am Kai ein Mann und winkte mit einer gelben Fahne.

Eine Woche später mietete sie ein Boot. Sobald sie in den Nebel fuhr, verstummte der Motor. Eine Strömung zog sie weiter, bis ihr Bug sanft an den fremden Kai stieß. Das Ortsschild trug keinen Namen. Die Bewohner begrüßten Sina, als hätten sie auf sie gewartet.

Auf der Insel standen Häuser, die anderswo verschwunden waren: ein abgerissenes Kino, ein überfluteter Bauernhof, der alte Bahnhof aus Sinas Heimatstadt. Im Wartesaal roch es noch nach Kohle und Bohnerwachs. Als Kind hatte Sina dort ihren Großvater abgeholt. Heute verlief an derselben Stelle eine Umgehungsstraße.

Der Mann mit der Fahne erklärte, die Insel sammele Orte, die Menschen liebten und dennoch verloren. Solange sich jemand an sie erinnere, blieben sie bestehen. Doch einige Häuser wurden durchsichtig. Ihre letzten Erinnernden starben, und mit ihnen lösten sich Türen, Gärten und ganze Straßen auf.

Sina verbrachte drei Tage damit, Geschichten der Bewohner aufzuschreiben. Sie zeichnete Grundrisse, fotografierte Schilder und nahm Geräusche auf: das Klingeln des Kinos, den Pfiff des Bahnhofsvorstehers, das Knarren eines Tanzsaals. Als sie zurückfahren wollte, bot man ihr ein Haus an. Es war die Wohnung ihrer Kindheit, bis hin zum Kratzer im Küchentisch.

Sie blieb nicht. „Wenn ich hier einziehe, erinnert sich draußen niemand mehr“, sagte sie. Zurück an Land veröffentlichte sie die Geschichten in einer kleinen Ausstellung. Besucher ergänzten eigene verlorene Orte. Aus einem Raum wurden fünf, dann ein wanderndes Archiv.

Monate später fuhr Sina wieder durch das Nebelband. Viele Häuser wirkten fester. Im alten Kino lief ein Film vor vollem Saal, obwohl die Zuschauer aus verschiedenen Zeiten kamen. Der Mann am Kai gab ihr eine neue gelbe Fahne.

„Die Insel braucht Verbindung“, sagte er. „Kein Versteck.“

Seitdem kennt Sina den Kurs. Sie verrät ihn niemandem, denn die Insel lässt sich nicht einfach besuchen. Aber wer in ihrer Ausstellung lange vor einem Bild stehen bleibt, sieht manchmal Nebel über dem Boden ziehen und hört aus der Ferne eine Fähre hupen.