Leuchtende rote und grüne Bojen ziehen nachts wie eine Kette über das dunkle Meer

Die Nacht der wandernden Bojen

Hafenmeister Enno bemerkte um zwei Uhr morgens, dass Boje zwölf fehlte. Kurz darauf verschwand auch Boje sieben vom Radar, dann neun, vier und die große rote Fahrwassertonne. Es herrschte kaum Wind, die Ketten waren intakt gewesen, und niemand konnte fünf schwere Tonnen gleichzeitig stehlen.

Enno fuhr mit dem Arbeitsboot hinaus. In der mondlosen Nacht sah er ihre Lichter weit draußen. Rot und Grün zogen in einer geordneten Reihe nach Norden. Sobald Enno näherkam, beschleunigten die Bojen. Sie schienen nicht zu treiben, sondern einem Ziel zu folgen.

Über Funk meldete kein Schiff Probleme. Trotzdem hörte Enno zwischen den Wellen einen tiefen Ton. Er kannte ihn aus einer Dokumentation: der Ruf eines Wals. Kurz darauf tauchte neben dem Boot ein junger Buckelwal auf. Um seine Flosse hatte sich ein Stück Netz gewickelt. Er schwamm unruhig, als suche er jemanden.

Die wandernden Bojen bildeten eine leuchtende Gasse. Am Ende der Reihe antwortete ein zweiter Wal. Das Muttertier war außerhalb der flachen Fahrrinne geblieben, während das Junge sich in Küstennähe verirrt hatte. Die Bojen zeigten ihm den sicheren Weg zurück.

Enno rief die Seenotretter. Gemeinsam näherten sie sich dem erschöpften Tier und schnitten das Netz los. Danach folgte der junge Wal den Lichtern. Bei jeder Boje stieß er einen kurzen Ruf aus. Schließlich erreichte er seine Mutter. Beide verschwanden nebeneinander in der Dunkelheit.

Kaum waren sie fort, drehten die Bojen um. Noch vor Sonnenaufgang lagen alle wieder an ihren Positionen. Die Ketten ruhten ordentlich auf dem Grund, als wären sie nie bewegt worden. Ennos Kollegen glaubten, er habe wegen Übermüdung falsche Punkte auf dem Radar verfolgt. Die Aufzeichnung zeigte tatsächlich nur leere See.

Am Arbeitsboot hing jedoch ein Stück zerschnittenes Netz. Enno befestigte es im Hafenbüro neben einer Karte und schrieb darunter: Auch Wegweiser dürfen ihren Platz verlassen, wenn jemand den Weg dringender braucht.

Seit jener Nacht kontrolliert er nicht nur, ob jede Boje dort liegt, wo sie liegen soll. Er achtet auch darauf, wohin ihre Lichter zeigen. Manchmal, bei völliger Dunkelheit, blinken sie nacheinander bis zum Horizont. Dann lauscht Enno. Meist hört er nur Wellen. Gelegentlich antwortet aus der Ferne ein tiefer, vertrauter Ruf.