Ein gutmütiges Kamel steht in einem engen Mietshaus-Treppenhaus neben einer erstaunten älteren Frau

Frau Pohl und das Kamel im Treppenhaus

Das Kamel stand am Dienstagmorgen zwischen dem zweiten und dritten Stock. Es hieß, wie ein Schild an seinem Halfter verriet, Mustafa. Frau Pohl entdeckte es auf dem Weg zum Briefkasten. Sie sagte „Guten Morgen“, weil ihr nichts Passenderes einfiel.

Niemand wusste, wie Mustafa ins Haus gekommen war. Die Eingangstür war zu schmal, der Aufzug defekt und das Dach geschlossen. Herr Krüger vermutete eine Werbeaktion. Die Studentin Nele hielt es für eine künstlerische Installation. Der Hausmeister prüfte zunächst, ob Kamele im Mietvertrag verboten waren.

Mustafa setzte sich auf die Treppe und blockierte alles. Bewohner reichten Einkäufe über das Geländer, Kinder kamen begeistert zu spät zur Schule, und ein Paketbote erklärte das Haus vorübergehend für unzustellbar. Frau Pohl brachte eine Schüssel Wasser. Mustafa trank sie aus und fraß anschließend den Putzplan.

Am Nachmittag meldete sich ein Wanderzirkus. Ein Kamel war in der Nacht verschwunden. Der Besitzer stand vor der Tür, konnte aber ebenfalls nicht erklären, wie das Tier ins Treppenhaus gelangt war. Mustafa weigerte sich aufzustehen, sobald er den Mann sah.

Frau Pohl wurde misstrauisch. Der Tierarzt stellte fest, dass Mustafa wundgelaufene Füße hatte. Der Zirkusbesitzer wollte ihn trotzdem sofort mitnehmen. Die Hausgemeinschaft, die sonst über Mülltrennung stritt, stellte sich geschlossen auf die Treppe.

Nach langen Gesprächen übernahm ein nahegelegener Tierhof das Kamel. Nun blieb das technische Problem. Schließlich lockten sie Mustafa nicht nach unten, sondern nach oben. Auf dem Flachdach öffnete die Feuerwehr ein großes Wartungstor. Ein Kran hob das Tier in einem sicheren Transportgeschirr hinab. Mustafa betrachtete die Menge mit majestätischer Ruhe.

Auf dem Tierhof erholte er sich. Frau Pohl besuchte ihn jeden Samstag. Die übrigen Bewohner kamen oft mit. Aus der zufälligen Kamelkrise entstand der erste gemeinsame Ausflug des Hauses seit zwanzig Jahren.

Wie Mustafa hineingekommen war, blieb ungeklärt. Monate später fand der Hausmeister auf dem Dach einen zerbissenen Zettel: Lieferung frei Bordsteinkante. Vielleicht hatte jemand eine sehr falsche Adresse eingegeben.

Der Putzplan wurde ersetzt. Ganz unten steht nun: Bei ungewöhnlichen Tieren zuerst Frau Pohl informieren. Der Paketbote hat das Haus wieder freigegeben, erkundigt sich aber bei jeder Zustellung, ob der Weg kamelfrei ist.