Ein Mädchen in einem geheimnisvollen Bahnhof mit schwebenden Namensschildern

Mira und der Bahnhof der verlorenen Namen

Mira saß im letzten Zug nach Hause, als der Schaffner eine Station ausrief, die auf keinem Fahrplan stand. „Endbahnhof der verlorenen Namen. Ausstieg nur bei Bedarf.“

Die übrigen Fahrgäste schliefen. Mira aber dachte an ihre Großmutter, die seit einigen Monaten immer häufiger fragte: „Und du bist noch einmal wer?“ Also stieg sie aus.

Der Bahnhof bestand aus einer einzigen Halle. Unter dem gläsernen Dach schwebten Tausende kleine Schilder. Manche waren aus Papier, andere aus Messing oder Holz. Auf jedem stand ein Name. Sie flatterten wie Motten um eine alte Frau in roter Uniform.

„Ich suche den Namen meiner Großmutter“, sagte Mira. „Sie heißt Elena.“

„Wenn sie Elena heißt, ist der Name nicht verloren“, erwiderte die Frau. „Vielleicht hat sie nur den Weg dorthin vergessen.“

Sie gab Mira eine Laterne. Gemeinsam gingen sie zwischen hohen Regalen entlang. Dort lagen Namen, die Menschen aus Angst abgelegt hatten, Namen, die bei einer Flucht zurückbleiben mussten, Spitznamen verstorbener Freunde und all die zärtlichen Anreden, die niemand mehr aussprach. Mira rief „Elena!“, doch hundert Schilder antworteten zugleich.

„Du musst nicht den Namen rufen“, sagte die Bahnhofsvorsteherin. „Ruf das, was ihn unverwechselbar macht.“

Mira schloss die Augen. Sie dachte an Zitronenseife, an einen grünen Wollmantel und an das Lied, das ihre Großmutter beim Kartoffelschälen summte. Sie pfiff die ersten Töne. Hoch oben löste sich ein kleines Schild aus einer dunklen Ecke. Es war nicht mit „Elena“ beschriftet, sondern mit „Mondfisch“ – dem geheimen Namen, den Großmutter ihr als Kind gegeben hatte.

Das Schild landete in Miras Hand und wurde warm. „Nimm es mit“, sagte die Frau. „Aber Namen sind keine Medizin. Sie öffnen nur Türen. Ob jemand hindurchgehen kann, entscheidet nicht der Bahnhof.“

Als Mira in den Zug zurückstieg, war keine Minute vergangen. Am nächsten Morgen setzte sie sich zu ihrer Großmutter. „Guten Morgen, Mondfisch“, sagte sie.

Die alte Frau sah lange aus dem Fenster. Dann lächelte sie. „Wenn ich der Mondfisch bin, bist du mein kleiner Sturmvogel.“ Für einen Augenblick war alles wieder da: Miras Name, die Küche, das Kartoffellied. Am folgenden Tag erinnerte sie sich nicht mehr daran. Doch Mira hörte auf, jede vergessene Antwort als Verlust zu behandeln. Sie brachte Fotos mit, Düfte, Lieder und warme Kartoffeln. Manchmal öffnete sich eine Tür, manchmal nicht.

Viele Jahre später fuhr Mira erneut mit dem letzten Zug. Als der Schaffner den geheimen Bahnhof ausrief, blieb sie sitzen. Neben ihr schlief ihre Tochter, den Kopf an Miras Schulter. In ihrer Manteltasche lag noch immer das Schild. Die Schrift war verblasst, aber Mira kannte beide Namen auswendig.